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Eine Milliarde Gründe warum ich das Wort „Missbrauch“ nie verwende

[Triggerwarnung]

Eine Milliarde Gründe warum ich das Wort „Missbrauch“ nie verwende

kein Brauch, kein Gebrauch, von niemandem gebraucht

Ich möchte im folgenden erklären, warum ich den Terminus nicht verwende, ausgenommen, um ihn zu kritisieren.

Betroffene können natürlich Photo by Jen Theodore on Unsplashsprechen wie sie wollen. Manche Beratungseinrichtungen für Betroffene von Sexualisierter Gewalt verwenden den Terminus in ihrer Werbung und ihrer Öffentlichkeitsarbeit, weil er weit verbreitet ist sowie um gefunden und verstanden zu werden. Das ist selbstverständlich völlig akzeptabel. Meine Kritik richtet sich ausdrücklich an Medien. Diese stehen in der Pflicht, seriös zu arbeiten und zu kommunizieren. Sie haben keine Ausrede für Unwissenheit.

  • DAS HISTORISCHE WORT FÜR: HARMLOSER

Der Terminus „Missbrauch“ wird meist dann verwendet, wenn man ein Verbrechen vor sich glaubt, das man weniger schlimm als vaginale Vergewaltigung mit einem Penis einschätzt.

Das hat historische Ursachen. Über Jahrtausende galt nur die Penetration durch einem Penis inklusive Ejakulation in der Vulva als Verbrechen.

Diese Differenzierung zwischen vaginaler Penetration mit einem Penis von allen anderen Formen Sexualisierter Verbrechen ist nicht sinnvoll. Es gibt keine allgemein gültige Messlatte, was schwerer und was weniger schwere Sexualisierte Gewalt ist.

Wer glaubt dass „Missbrauch“ eine ganz andere Liga sei als Vergewaltigung ist im Irrtum. Wenn wir weiter von „Missbrauch“ sprechen nähren wir diesen Irrtum. Erzwungene Berührungen können genauso schlimme, langfristige Folgen haben wie erzwungene vaginale Penetration. Für manche Menschen ist schon allein der Bruch im Vertrauensverhältnis und die Vernichtung der Beziehung, die meistens mit Sexualisierter Gewalt parallel gehen, vergleichbar schlimm wie kriminelle Taten gegen den Körper oder die eigene Intimität.

  • ES VERHARMLOST GEWALT. SEHR SCHWERE GEWALT

„Missbrauch“, das klingt harmlos, das sagt nicht viel und nichts genaues, es klingt nicht wie ein Verbrechen, nicht nach einem Plan. Doch genau das ist es: Ein geplantes Verbrechen von erheblicher Brutalität.

„Missbrauch“, das hört sich an, als hätte jemand etwas falsch behandelt, fehlerhafter Verwendung zugeführt. Missbrauch klingt nach Objekten, Drogen, Gegenständen, Möbeln. Es könnte einen Schraubenzieher meinen, wir assoziieren es nicht notwendigerweise mit Menschen. Missbrauch, da ist etwas brauchen drinnen, und Brauchtum, vielleicht eine kleine Verfehlung, vielleicht nur ein Irrtum. Nichts davon trifft die Wahrheit auch nur am Rande.

Missbrauch, das liest sich gleich nicht ganz so schrecklich wie Vergewaltigung an dreijährigem Mädchen, nicht? Das Wort „Missbrauch“ verharmlost schwere Verbrechen, die für Gewöhnlich mit schweren Formen von körperlicher Gewalt einhergehen. Ungefähr 99% der Menschen, die sexualisierte Verbrechen erlitten, haben lebenslange Folgen zu erdulden, fast immer körperliche Erkrankungen. Ihre Lebenserwartung ist reduziert, ihre Suizidrate drastisch erhöht und die absolute Mehrheit leidet lebenslang an schweren psychischen Erkrankungen, Depressionen, Psychosen, Wahnvorstellungen usw..

  • KEIN SEXUELLER GEBRAUCH

Die Idee von sexualisiertem Missbrauch impliziert, es würde einen sexualisierten Gebrauch geben. Aber niemand darf sexuell gebraucht werden, das gibt es nicht, es ist nicht Sexualität. Nie kann legitim sein, eine andere Person gegen deren Willen zum sexuellen Objekt zu machen. Ein Gebrauch eines Menschen für sexuelle Handlungen ohne deren Einverständnis ist Sexualisierte Gewalt. Es gibt also keinen sexuellen Gebrauch, also gibt es auch keinen sexualisierten oder sexuellen Missbrauch.

Menschen und menschliche Sexualität sind kein Gebrauchsgegenstand wie ein Dosenöffner, die man so zwischendurch einmal gebraucht.

  • KEIN BRAUCHTUM

Es klingt, als gäbe es einen „Brauch“ oder ein „Brauchtum“ wie Goldhauben, Perchtenlauf, Hochzeitabsperren oder Erntedankfest. It is not.

  • WEDER BRAUCHEN NOCH BEDÜRFNIS

Manch einer könnte meinen, Missbrauch wäre etwas, das jemand „braucht“, das ist aber alles nicht Fall. Das werden vielleicht einige Leser*innen für einen völlig aus der Luft gegriffenen Vorwurf halten. Aber immer noch geistert das Gespenst vom angeblichen „Triebtäter“ durch Köpfe und durch Medien. Angeblich getriebene Triebtäter (man beachte die passive Form, bei der nicht bekannt gemacht wird, wer oder was „treibt“) und die angeblich kranke Verbrecher holen sich was sie angeblich brauchen und sich irgendwie nicht zurückhalten konnten (Sie sind nicht krank und auch so gut wie nie das was sie WHO mit dem noch weit unerträglicheren Terminus „pädophil“ benennt).

Das ist aber Schwachsinn. Jeder Mensch, der*die vergewaltigt entscheidet sich dafür und tut es wissentlich, genauso wie bei jedem anderen schweren Verbrechen. Niemand begeht Sexualisierte Verbrechen, weil er*sie irgendetwas braucht, aus Trieb oder sexuellen Bedürfnissen. Niemand braucht Vergewaltigung.

  • EXPTERT*INNEN RATEN DAVON AB VON MISSBRAUCH ZU SPRECHEN.

Bis heute wird die Kritik an dem Wort regelmäßig aus den Posaunen der Frauenhäuser und der Fachleute geblasen. Warum hören eigentlich so viele da nicht hin?

  • DER WEG ZUR HÖLLE IST MIT PASSIVFORMEN GEPFLASTER

Eine der Hauptregeln für sensible Berichterstattung ist: Verwenden sie keine Passivform.

Missbrauch und missbrauchen werden fast immer im Passiv verwendet, beispielsweise „jemand wurde missbraucht“. Das benennt damit das Verbrechen nicht als Verbrechen, sondern als so eine Art zufälliges Ereignis. Selten liest man eine Variante von „Max Mustermann missbrauchte Maxima Musterfrau.“ Die Passivform ist typisch bei Vergewaltigungsverharmlosung und es ist Opfer-Täter-Umkehrung. Sie lenkt davon ab, dass das Verbrechen von jemandem begangen wurde, es suggeriert, es sei etwas passiert. Gleichsam vom Himmel gefallen. Man tut, als wisse man gar nicht warum. Vergewaltigung ist aber immer ein langfristig geplantes und bewusst begangenes Verbrechen. Und es ist bestens bekannt, warum jemand vergewaltigt.

  • URALTE KRITIK

Ach ja, übrigens wurde der Terminus in den 60er Jahren schon von der Kronen Zeitung kritisiert, und da wollen wir nicht hinten nach hinken.

Es gibt über eine Milliarde vergewaltigter Frauen auf der Erde. Es gibt ungefähr 1,83 Milliarden vergewaltigte Menschen auf der Erde. Für mich ist das genug guter Grund möglichst respektvoll gegenüber diesen Menschen zu formulieren.

Zum Abschluss habe ich noch zwei Empfehlungen. Eine nette. Und eine nicht so nette.

EMPFEHLUNG 1

Ich empfehle die Begriffe Vergewaltigung, Sexualisierte Gewalt, Sexualisiertes Verbrechen, Verbrechen gegen die sexuelle beziehungsweise körperliche Integrität. Nennt den Paragraphen der zu Anzeige, Anklage oder Verurteilung führte. Beschreibt das Verbrechen konkret, was übrigens sehr aufschlussreich ist, weil dann meistens deutlich wird, dass neben den sexualisierten Verbrechen in fast allen Fällen massive körperliche Gewalt und Psychoterror verübt wurde. Die psychische und meist schwerwiegende körperlichen Verletzungen, die parallel angewandt werden und die langfristigen psychischen, somatischen und physischen Folgen werden leider meist aus Berichten ausgeblendet, obwohl das zu beschreiben sehr wichtig ist.

EMPFEHlUNG 2

Last but not least: Wer den Terminus „Missbrauch“ zu verwenden geneigt ist, kann in Zukunft zu diesem sensiblen Thema einfach schweigen, es zeugt nämlich davon, dass die Person offensichtlich nicht einmal über ein sehr geringes Basiswissen zur Problemlage verfügt.

Allen, die finden, die wüssten ja nicht was sie sonst sagen sollten und allen, die meinen, es sei aber nicht alles eine Vergewaltigung, rate ich aus ganzem Herzen: Ihr müsst nicht darüber reden, schreiben, publizieren und kommunizieren. Ihr könnt einfach was anderes machen. Geschirr abwaschen, spazieren gehen, Vorhänge waschen oder einfach einmal schweigen, wenn man keine Ahnung hat.

Das gilt ausnahmslos für Profijournalist*innen, aber ich rate es ebenso allen mit einem eigenen Social Media Account. Und nö, ist keine Plattitüde, meine ich ernst. Absolut ernst.

Oder schreibt ihr ellenlange Kommentare und Romane über Fußball, ohne eine Ahnung zu haben? Nein, weil euch da die Gesellschaft klar macht, dass ihr keine Ahnung habt. Sind euch vergewaltigte Frauen weniger Respekt wert als Fußball? Mir nicht.

Idiotische und ahnungslose Kommentare oder Medienberichte über Vergewaltigung sind der wichtigste Nr. One Trigger für Retraumatisierung – Retraumatisierung ist das, wo sich vergewaltigte Menschen wieder haargenau so fühlen wie während der Tat. Sie haben keinerlei Macht darüber, ob und wann es kommt. Wer von euch ist bereit, etwas zu sagen und zu schreiben, durch das sich vergewaltigte Frauen so fühlen wie während der Tat? Ich habe übrigens eine lange Liste von feministischen Frauen und Journalist*innen, von Redakteur*innen und Schriftsteller*innen, die offen zugeben, das ihnen das egal ist. Nix FPÖ oder Antifeministen. Von drei Frauen die Hass, Verachtung, Verharmlosung und Opfer-Täter-Umkehrung lesen ist eine betroffen.

Es ist die Zeit überreif, dass man aufhören kann, solche Basics jeden Tag überall kund tun zu müssen. Das sind Fakten, die man vor 50 Jahren schon durchdiskutiert hatte. Ich finde wirklich, es ist allerhöchste Eisenbahn, dass vor allem von Frauen und Feministinnen dieses irreführende Wort aufhören zu verwenden.

(c) Helga Christina Pregesbauer

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