Rape Culture. Vergewaltigung mit System und was dagegen zu tun ist

Eine gekürzte Version dieses Textes erschien 2017 im AEP „Feminismus und Sexualität“, welche ich herausgegeben habe.

[Triggerwarnung häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Sexualisierte Gewalt]

Was ist Rape Culture? Was sind Vergewaltigungsmythen? Wer glaubt die und warum? Was bewirkt Rape Culture in der Sprache? Warum ist so wichtig, dass Vergewaltigung keine Form von Sexualität ist? Wie werden wir Rape Culture wieder los? Wie sind Vergewaltigungen verhinderbar? Wo gibt es Hilfe für die Betroffenen?

 

Unsere Gesellschaft und die Rape Culture darin schützt die Frauen* nicht vor Vergewaltigungen, sie schützt die Täter*innen vor der Strafe. Das, was es an angeblichem „Schutz“ gibt, ist eine Erziehung zum Schuldeingeständnis für die Betroffenen. Es treibt Frauen* viel eher in die Arme der Täter*innen, als es irgendeine Sicherheit brächte. Rape Culture ist eine Form von Diskriminierung, es ist die Art und Weise der Umsetzung der Diskriminierung von Frauen*. Im Folgenden sind mit Frauen oder Frauen* Menschen gemeint, die nicht eine Person sind, die heterosexuell und cis-männlich und erwachsen ist, das heißt Frauen, Kinder und LGBTIQs. Frauen werden über ihre angebliche Sexualität, welche als natürlich und unveränderbar dargestellt wird, diskriminiert.

Rape Culture ist nicht allein die Legitimation und Straffreiheit von häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen, sondern darüber hinaus eine zentrale Basis der Diskriminierung von Frauen. Rape Culture ist nicht etwas, das nur Täter*innen tun. Es ist die Summe der Verhaltensweisen der Menschen einer Gesellschaft, welche dazu führen, dass Vergewaltigung verharmlost wird und die Täter*innen straffrei bleiben, während die ganze Last des Verbrechens an den Menschen hängt, die das Verbrechen erlitten haben: Die soziale, psychische, gesundheitliche, juristische und moralische Last. Rape Culture besteht zu einem wesentlichen Teil aus dem üblichen Gerede und aus Medienberichten. Vermeidet bitte den Fehler, zu glauben, es ginge bei Rape Culture nur um Sexualität oder nur um die Rechte des Mannes.

Rape Culture in unserer Gesellschaft vernebelt, dass die diesbezüglich behauptete Natur der menschlichen Sexualität sehr viel über die Vorstellungen der angeblichen Natur der männlichen Sexualität aussagt. Der Fokus liegt im Diskurs allein auf den Frauen. Rape Culture dreht sich wesentlich um Abwertung von Frauen und deren sehr breit definierten Sexualität, auf Schuld sowie auf ganz konkreten Schuldzuschreibungen an Frauen.

 

Rape Culture ist Form und Umsetzung der Diskriminierung

 

Diskriminierung ist eine einfache, ja simple Sache: Zwei Personen tun das exakt Gleiche, und die Interpretation fällt vollkommen unterschiedlich, sogar gegensätzlich aus. Die gleiche Handlung wird bei der abzuwertenden Person als natürliches Übel bezeichnet und bei der höher gestellten, privilegierten als natürliche Selbstverständlichkeit. Häufig wird tatsächlich und ernsthaft von den vergewaltigten Personen verlangt, sich doch Sorgen um die Zukunft der Täter*innen zu machen, deren Leben sie zerstört hätten. (Man beachte die Aktivform der Formulierung). Die vergewaltigte Frau habe das Leben der Täter zerstört, nicht er seines selbst oder gar der Täter das Leben des Verbrechensopfers. Betrunken sein oder einen Minirock getragen zu haben wiegt dann bei vergewaltigten Frauen schwerer, als einen Menschen zu vergewaltigen beim Täter. Im Zentrum der Debatten und der Justizprozesse steht die Frau*, welcher das Verbrechen angetan wurde, Charakter und Verhalten der Frau* vor und nach der Tat, viel weniger die Tathandlung selbst oder gar der Charakter der Täter.

 

Opfer-Täter-Umkehr

Schauen wir gleich einmal auf ein konkretes, häufig vorkommendes Beispiel: Wenn ein besoffener Mann eine besoffene Frau vergewaltigt, war er nicht Herr seiner Sinne und wird damit entschuldigt und entlastet, in der Praxis übrigens auch juristisch. Eine Frauenberatungsmitarbeiterin sagt, wenn die Beweislast der Aussagen gegen den Täter so ernst genommen würde wie die Last der Behauptungen über den Charakter der vergewaltigten Frauen, käme jeder Angeklagte ins Gefängnis. Derzeit liegt die Verurteilungsrate von Vergewaltigern in Österreich unter einem Prozent, wenn man die gut erforschte Dunkelziffer einrechnet.

Die betrunkene vergewaltigte Frau dagegen – das Verbrechensopfer – wird durch die Alkoholisierung noch schuldiger und am Verbrechen quasi selber schuld, weil sie sich betrunken hat. Die Frau hat sich betrunken, der Mann war betrunken. In diesen wenigen Sätzen sind eigentlich sowohl allgemein Diskriminierung als auch Sexismus und grundsätzlich sogar Rape Culture beschrieben. Allein die Formulierungen (Frau aktiv, Mann passiv) suggerieren sehr subtil, die Frau hätte etwas getan und dem Mann wäre etwas passiert. Er war eben zufällig ausnahmsweise nicht Herr seiner Sinne, sie dagegen wird behandelt, als hätte sie etwas getan und sich bewusst auf eine Art verhalten. Typisch für klassische Opfer-Täter-Umkehr ist, dass die Verhaltensvorschriften für die diskriminierte Person extrem streng bewertet und sanktioniert werden, während man dasselbe bei der privilegierten Person mehr als locker sieht und bewertet.

Man kann das so sagen, wie es unsere Gesellschaft tut: Warum war sie überhaupt dort, wieso hat sie sich so besoffen, warum war sie allein, warum ist sie mit dem mitgegangen, wieso hat sie ihn in ihre Wohnung/ins Haus/ins Auto gelassen, wieso hast sie ihn überhaupt geküsst?

Wir alle kennen diese Sätze und hören sie ständig. Selten widerspricht jemand. Allein auf die Straße gehen oder jemanden küssen sind demnach schuldig machende Verbrechen, sind Frauen in die Vogelfreiheit entlassende Taten, die Kriminalität legitimieren. Küssen als Verfehlung, die Weiteres legalisiert. Vergewaltigung ein Naturereignis, das logisch auf die Verfehlung folgt. Bei Verkehrsunfällen, Verletzungen im Straßenverkehr oder bei Bankraub wären Fragen an die Opfer der Verbrechen á la „wieso bist du überhaupt im Auto gewesen“ kaum denkbar, ja abstrus. Würden Journalist*innen so über einen Rollstuhlfahrer schreiben wie es selbsternannte Qualitätsjournalist*innen über Vergewaltigungsopfer tun, wären sie in der Sekunde ihren Job los und bekämen als Abfindung einen Shitstorm. Derzeit bekommen Frauen den Shitstorm und die Drohbriefe, weil sie über Gewalt und die strukturelle Diskriminierung schreiben.

Fragt eine Tageszeitung bei Bankraub die Ausgeraubten: Haben sie den Täter gekannt? Warum haben sie den Täter in die Filiale gelassen? Wieso waren sie überhaupt dort? Welche Kleidung haben sie getragen? oder gar Welche Kleidung hat der Täter getragen? Da erscheint es uns recht schnell komisch, solche Fragen zu stellen, jedenfalls wenn die Art der Antwort Indiz dafür sein soll, etwas darüber zu erfahren, ob es die Tat überhaupt gab. Im Übrigen gibt es Strafverfahren, die eingestellt werden, weil die traumatisierten, vergewaltigten Personen nicht wissen, welche Schuhfarbe die Täter*innen bei der Tat trugen.

Was haben sie gestern für Schuhe getragen, werte Leser*innen? Ich weiß es von mir selbst nicht. Niemand würde mit solchen Aussagen ein Verfahren wegen Bankraub einstellen. Man würde die Bankangestellten so etwas auch niemals fragen, wenn man den Täter bereits hat.

 

Disziplinierung der Frau*…

 

Rape Culture ist eine Strategie der Disziplinierung weiblichen Verhaltens nach Maßstäben, die in Europa seit mindestens einem halben Jahrhundert veraltet sind. Frau, geh nicht alleine weg, trink keinen Alkohol, nimm niemanden mit in dein Zuhause, bleib nicht allein mit Männern, küss niemanden, mit dem du nicht den Koitus willst, was immer du anziehst, ist falsch und unmoralisch. All das gilt nach wie vor ausreichend als Grund, dir als Frau die Schuld zuzuweisen für Gewalt, die andere dir antun.

 

Der Versuch,
lieb, brav und gehorsam
im Angesicht einer inneren oder äußeren Bedrohung
zu sein
entseelt den Menschen.
Clarissa Pinkola Estés, Die Wolfsfrau

 

Vergewaltigung ist etwas anderes als Sex, und das ist wichtig zu wissen. Es gibt keine sogenannte Triebtat. Würden sich sexuell unbefriedigte Männer auf die nächste sexy bekleidete Frau werfen, dann müsste es im Freibad ziemlich kriminell zugehen. Sexualisierte Gewalt ist eine bewusste und meist lange geplante Handlung. Das Motiv ist, Menschen zu demütigen, zu unterwerfen und zu kontrollieren. Aus diesem Grund wäre übrigens die chemische Kastration von Sexualverbrecher*innen sinnlos und kontraproduktiv.

Die Vermischung von Gewalt mit Sexualität wurde in den 70ern von der Frauenbewegung aufgebrochen. Heute wird die Idee, dass Vergewaltigung eine Form von Sex sei, unter Fachleuten abgelehnt. Das ist ein Meilenstein. Denn die Idee, dass Vergewaltigung ein Trieb oder eine Krankheit sei, ist einer jener Vergewaltigungsmythen, welche die Tat verharmlosen, ist Rape Culture.

In den 90ern stand in Fachbüchern noch, dass Vergewaltigung und Sexualisierte Gewalt vom Kind selbst ausgehen könne oder die erwachsene Frau es unbewusst hervorrufe, weil sie sich den Sex wünsche – und wer sich jetzt schreckt, bedenke: Das hat sich radikal geändert. Es ist veränderbar, es tat, es tat und tut sich viel. So einen Unfug behauptet heute niemand mehr, und das ist tatsächlich ein enormer Paradigmenwechsel. Und der ist die Folge dessen, dass viele Menschen aufgehört haben, sich etwas vorzumachen. Sie haben aufgehört, zu verdrängen.

 

… und Hurenstigma

Der Kern der Disziplinierung von Rape Culture ist die weibliche Sexualität. Sie spricht männlichen Sexualverbrechern Rechte sowie Möglichkeiten zu und von „Schuld“ frei (theoretisch und juristisch), während Frau per se schuldig sei. Eigentlich ist es eine Frauensexphobie, eine Putophobie (Angst vor Huren).

Im Zentrum der Rape Culture steht nämlich das Hurenstigma. Die Disziplinierung beruht auf Frauenhass und Sexualhass und mischt die beiden. Autonome sexuelle Handlungen und sexuelle Freiheit von Frauen werden als schädlich für die Gesellschaft gesehen, welche man beschränken und kontrollieren müsse. Es sollen sexy, halbnackte, erotische Frauen sein, die das Problem verursachen und nicht jene Menschen, die Gewalt ausüben. In dieser Vorstellung liegt die Ursache, dass Frauen selbst schuld seien, wenn ihnen Sexualisierte Gewalt widerfährt. Zugleich sieht man an der Diskussion über Sexarbeit anschaulich, wie einer Gruppe von Frauen, welche völlig entrechtet sind (dabei viele Pflichten haben), geradezu magische, übermenschliche Kräfte zugeschrieben werden. Denn angeblich sei ja die Existenz von Sexarbeiterinnen die Ursache für Gewalt gegen Frauen und Wurzel des Patriarchats. Keine gesellschaftliche, soziale oder politische Macht haben und zugleich verantwortlich für nicht weniger als fast alles, das schief geht. Dabei zementieren gerade die gängigen Vorstellungen über Sexarbeit die Idee, dass die weibliche Sexualität unglaublich schädlich sei für die gesamte Gesellschaft. Die Anwesenheit von Sexarbeit bringe sofort Dreck, die Mafia, harte Drogen und alle Übel dieser Welt herbei, ihr Anblick sei schädlich für Kinder und unzumutbar.

Den Wahrheitsgehalt solcher Vorstellungen prüft niemand. Dass es gerade die Kriminalisierung und die Entrechtung sind, die Probleme hervorrufen, wollen manche nicht hören. Den meisten ist der Zusammenhang nicht klar, sie verwechseln Verbote und Verdrängung mit Schutz. Und statt die Gewalt gegen die angeblich ach so unterdrückten, hilflosen Sexarbeiter*innen zu bekämpfen, widmet man sich den Sorgen der Anrainer*innen!

Es gibt keine Bewegung, die die Verrohung der Gesellschaft durch Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung anprangert, aber dutzende, welche die Nacktdarstellungen von Frauen per se und zu viel freie Sexualität oder eheähnliche Vertragslösungen für homosexuelle Menschen als gesellschaftsschädlich hält, das sei hier am Rande erwähnt. Sexualangst ist immer noch „normal“.

Ganz wesentlich ist an öffentlichen Diskursen und Aussagen wie „geh mit niemandem mit“ oder „geh nicht allein weg“ die Suggestion, Gewalt gegen Frauen sei etwas, das vor allem fremde Männer tun, derzeit wieder einmal vor allem ausländische Männer. Das stimmt nicht einmal für die leichten Formen wie Sexualisierte Belästigung und Vergewaltigung durch unbekannte Täter. Vergewaltigung ist kein Importprodukt. Mindestens 95% aller Vergewaltigungen und Gewaltverbrechen gegen Frauen werden in der Familie oder durch Lebensgefährten, Ehemänner und Ex-Partner begangen, und dabei meistens langjährig. Ausländer und fremde Täter stellen eine Minderheit der Täter und begehen eine Minderheit der Taten.

Von dieser überbordenden Mehrheit der Sexualisierten Verbrechen durch Inländer lenken Debatten wie die um die Silvesternacht in Köln ab. Nicht, dass das jemand so missversteht, dass ich behaupte, das seien harmlose Dinge, die man vernachlässigen könne oder solle. Aber fast nur harmlosere wie Pograpschen oder ganz extreme Taten und jene von Ausländern werden in den Medien untersucht und hinterfragt. Die Mehrheit und die schweren Fälle oder die Strukturen dahinter diskutiert öffentlich kaum jemand. Wir wollen glauben, Vergewaltigung sei etwas Fremdes, etwas Fernes, etwas von außen. Dass weiße inländische christliche Männer genauso grapschen, catcallen, ausgreifen, vergewaltigen und wieso sie dafür kaum bestraft werden, diese Fragen werden in Mainstream-Medien nicht thematisiert, sondern bagatellisiert – oder dämonisiert. Warum ist das so?

Wir Frauen werden rund um die Uhr gewarnt, dass wir vergewaltigt werden können – und zwar überall, außer zuhause. Vergewaltigt werden wir aber in mindesten 95% der Fälle: Zuhause! Und wenn wir dann sagen, es hätte uns jemand vergewaltigt, sagen uns alle, es sei gar nicht passiert, wir seien außerdem gleichzeitig selber schuld und alles sei gar nicht so schlimm gewesen.

Kurz gesagt: Frauen werden rund um die Uhr gewarnt vor einem Verbrechen, das außergewöhnlich schrecklich sei und sie für immer zerstöre, und wenn sie es dann erleben, glaubt es kaum eine/r und alle sagen „es war sicher nicht schlimm“ oder es sei gar nicht geschehen. Das Besondere daran ist: Das folgt psychologisch betrachtet einer Logik. Denn solange uns Vergewaltigung als schrecklichste aller Begebenheiten dargelegt wird, solange werden wir verdrängen wollen, wo und wenn es passiert. Genau das zu verdrängen, werden wir erzogen. Verharmlosung und Dämonisierung sind zwei Seiten einer Medaille.

 

Verdrängung und Vergewaltigungsmythen

 Warum sind die Silvesternacht in Köln und Fälle wie Fritzl und Prikopil jahrelang in den Medien, während Berichte über die alltägliche Gewalt und darüber, dass und warum jede 3. Frau auf dem Planeten vergewaltigt wird, fehlen?

Betroffene von Sexualisierter Gewalt berichten häufig, dass sie von ihren Vergewaltigungen erzählten, und niemand hätte zugehört, niemand hätte es geglaubt oder habe sich danach so verhalten, als hätte man nie davon erzählt. Das hat zwei schlechte Folgen und eine sehr gute: Erstens verhindert das Wegschauen/Überhören/Verdrängen, dass man Hilfe bekommt oder sucht. Zweitens ist das Leugnen des Umfelds für die Psyche der Betroffenen der Verbrechen mindestens genauso schlimm wie das Verbrechen selbst. Im angloamerikanischen Sprachraum ist der Fachbegriff für den blöden, ignoranten, verharmlosenden, sensibilitätsfreien Umgang mit Vergewaltigung treffend Second Rape, wie eine zweite Vergewaltigung. Drittens ist das Gute, dass das Hinschauen und darüber sprechen alles verändern kann. Hinschauen statt Wegschauen hat die Macht, für Einzelpersonen alles zu ändern und gesamtgesellschaftlich die Kraft, noch viel mehr zu verwandeln.

Ich habe einmal von einer Frau gehört, die mit ihrem Ehemann im Supermarkt war, der genauso so wie jeden Tag mit ihr geredet hat: keifend und beleidigend. Da kam eine andere Person auf diese Frau zu und sagte zu ihr: „Sie sind viel mehr wert als so schlecht behandelt zu werden!“ Das hatte dieser Frau vorher noch nie jemand gesagt, und es hat ihr eigentlich wehgetan, es zu hören.

Am nächsten Tag ging sie ins Frauenhaus und nie wieder zurück zu dem gewalttätigen Mann. Unterschätze niemals diese kleinen Sätze, diese Worte, das Hinschauen. Auch wenn es weh tut. Studien zeigen, dass Frauen* generell nicht einmal halb so viel Selbstbewusstsein haben wie Männer, und das sollten wir ändern. Die Studien sagen auch, dass Selbstbewusstsein eine Entscheidung ist. Also bitte entscheidet euch für Selbstbewusstsein. Und für Hinschauen. Nur wer selbst ein bisschen Kraft übrig hat, kann ertragen, was es zu sehen gibt. Aber verdammt nochmal, warum tun wir das nicht?

Warum verdrängen wir alle, was bezüglich Sexualisierter Gewalt rund um uns passiert?

Einerseits weil wir es lernen. Rape Culture wird uns beigebracht. Rape Culture ist eine Form von Verdrängung. Diese Mythen und diese Lügen zu glauben, bringt Wohlgefühl und wirkt stressmildernd. Damit kommen wir zu den Vergewaltigungsmythen. So bezeichnet man die Verdrängung und Verharmlosung von häuslicher und Sexualisierter Gewalt gegen Frauen. In einer Rape Culture werden die Vergewaltigungsmythen verbreitet, geglaubt, erklärt und für wahr gehalten. Dabei sind sie alle falsch.

Wichtige Vergewaltigungsmythen sind:

  • Es gab gar kein Verbrechen.

  • Die geschädigte Person sei schuld am Verbrechen und habe es selbst verursacht

  • Der Täter sei krank oder abnormal.

 Natürlich überschneiden sich die Mythen.

Behauptungen, wie es gäbe keine Beweise, es gäbe keine Verletzungen, es sei Sex (nicht Vergewaltigung) oder es sei BDSM gewesen, sie lügt, sie habe alles erfunden und dergleichen leugnen das Verbrechen als solches.

Daneben gibt es die Suggestion, die Gewalt sei vom Opfer ausgegangen und verursacht worden, sie hatte einen Mini an, sie habe den Täter ja geküsst, sie habe sich nicht gewehrt, er habe gar nicht gemerkt dass sie nicht wollte, sie habe ihn verführt, das Kind sagte, es sei schon älter, sie sei abnormal und habe sich abnormal verhalten, sie ziehe so etwas an und dergleichen mehr. Die Schuldzuschreibung an die Verbrechensopfer ist übrigens einer der wichtigsten Ursachen dafür, dass Betroffene kaum über ihre Erlebnisse sprechen und keine Anzeigen machen (weniger als 10% der vergewaltigten Frauen machen eine, in Österreich jede 15. Frau). Es wäre nicht sehr verwegen zu sagen, dass allein durch diese Schuldumkehr 90% der Täter*innen straffrei bleiben. Das heißt aber auch, dass Veränderungen einfacher sind als wir ahnen.

Die Idee, der/die Täter*in sei abnormal oder krank entlastet die Täter*innen selbst stark. Sie suggeriert, es gäbe keine Verantwortung der Gesellschaft oder im sozialen Umfeld, welches damit ebenso entlastet wird. Wir haben so quasi nix damit zu tun. Das ist ein Grund, warum Extremfälle wie Fritzl so viel Medienaufmerksamkeit bekommen, denn die sind ja angeblich ganz anders. Anders als Männer, anders als wir, anders als die Männer rund um uns. Weil man Fritzl im Kopf nicht mit dem ebenfalls vergewaltigenden eigenen Nachbarn zusammenbringt und damit verdrängt. Tatsächlich sind genauso wenige Vergewaltigende und Täter*innen von häuslicher Gewalt krank wie Kriminelle aller anderen Verbrecher*innen.

 

Der Teufel will uns
die altbekannten Verhaltensregeln aufzwingen:
„Sieh die Wahrheit nicht, wie sie ist.
Sprich nicht,
was du mit eigenen Augen gesehen hast.“
Clarissa Pinkola Estés, Die Wolfsfrau

 

Diese Mythen glauben wir so gern, weil es uns als Gesellschaft und als Justizsystem von unserer Verantwortung erleichtert, weil wir uns nicht über toxische Männlichkeit unterhalten müssen, nicht über Rape Culture, Sexismus, Diskriminierung, Abwertung von Frauen oder das Geschlechterverhältnis. Der Hauptgrund, warum vor allem Frauen selbst die Vergewaltigungsmythen verbreiten und für wahr halten, ist, weil es Sicherheit gibt, sie zu glauben. Sie zu glauben, steigert vor allem bei Frauen das individuelle Wohlgefühl (Vgl. Gerd Bohner). Wenn die Frauen die vergewaltigt werden, selbst schuld sind, dann bin ich als brave Frau nämlich auf der sicheren Seite. Dann passiert mir ja nichts, weil ich mich ja korrekt verhalte. Was zu glauben leider ein Irrtum ist.

 

Wie werden wir Rape Culture und Vergewaltigung los?

 

Was das für kleine Taten sind, die ihr tun könnt? Danke, dass dich das interessiert. Die folgenden Tipps sind nicht für das Innenministerium oder für Politiker*innen, sondern für interessierte Privatpersonen, und daran möge man sie bitte messen. Die meisten Vorschläge sind einfach und erfordern keinen Zeiteinsatz.

 

  1. Glaub den Frauen. Glaub ihnen. Lass sie reden.

  2. Hör auf, Frauen eine Mitschuld zuzuschreiben.

Die Hauptursachen dafür, dass Frauen gar nicht erst anzeigen sind

  • die Vorstellung, schuldig oder mitschuldig zu sein, weil sie sich falsch verhalten hätten, selbst verantwortlich zu sein. Das sind Ideen, die wir Frauen via Medien und blödem Gerede ständig serviert bekommen, wenn es um Sexualverbrechen und häusliche Gewalt geht. Diese Angst wird vorrangig von der Gesellschaft erzeugt, nicht nur vom Täter.

  • Angst vor den Täter*innen.

  • Angst vor den Reaktionen des Umfelds (Second Rape). Diese sind psychologisch die Hauptursache dafür, ob die Person das Trauma überwindet oder langfristig schwer beeinträchtigt sein wird. Die Angst gilt vor allem der Erfahrung, dass ihnen niemand glauben wird, weil den anderen Betroffenen vor ihnen auch schon niemand geglaubt hat, wie wir regelmäßig hören und aus Gerichtsurteilen und den Medien lernen. Die Stigmatisierung als beschädigtes Opfer ängstigt die Frauen und hält sie von Anzeigen ab. Das führt sogar so weit, dass die meisten betroffenen Frauen* ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr glauben.

  • Menschen die von Sexualisierter Gewalt betroffen sind, erwarten keinen Schutz, weder vom Umfeld noch von öffentlichen Einrichtungen wie der Polizei oder Justiz. Die Justiz bietet nämlich keinen.

  • Das Wissen darum, im Fokus der allgemeinen Betrachtung zu stehen und kritisiert zu werden, sowohl durch die Stigmatisierung als angeblich unreparierbar „beschädigte“ Person und als Lügnerin.

  1. Hört auf Frauen für berechtigte Wut zu verachten.

  2. Hört auf Frauen und Mädchen zu Gewaltfreiheit in Situationen von Gewalt zu erziehen. Notwehr ist in Ordnung und ein Grundrecht.

  3. Fördere das Selbstbewusstsein von Frauen, vor allem dein eigenes.

  4. Selbstbewusstsein beruht auf der Entscheidung dazu. Also bitte entscheide dich für Selbstbewusstsein. Mach vielleicht ein Ritual. Eine psychisch fitte Frau verlässt eine Gewaltbeziehung, also bitte ich dich: Entscheide dich für Selbstbewusstsein. (Und das soll nicht heißen, dass irgendwas einfach daran ist, eine Gewaltbeziehung zu beenden!)

  5. Schenk nicht nur Extremfällen wie Fritzl, harmloseren Dingen wie Grapschen und Ausländern als Täter deine Aufmerksamkeit. Lenk deinen Blick dorthin, wo es weh tut, wo es in deinem „wir“ stattfindet, dorthin wo inländische Familienmitglieder über Jahre hinweg schwere Verbrechen begehen. Dieser Blick hat die Kraft, etwas zu verändern.

  6. Verwende Triggerwarnungen beim Publizieren, twittern, posten. Es sensibilisiert alle, inklusive dir selbst.

  7. Schaff Strukturen mit flachen Hierarchien, wo Menschen in höheren Positionen hinterfragbar bleiben. Dogmatische Hierarchien und streng autoritäre Gruppen mit Schulen und Internaten fördern Gewalt und locken laut Kriminalsoziologie sogar Personen an, die Vergewaltigungen planen.

  8. Im akuten Fall oder bei Verdacht wende dich sofort an eine Beratungsstelle.

  9. Im Falle eines betroffenen Kindes wende dich SOFORT und ZUERST an eine Fachberatungsstelle oder den Frauennotruf. Kinder aus Gewaltverhältnissen zu lösen, braucht Profis mit Erfahrung.

  10. Setz dich aktiv für professionelle Sexualaufklärung ein. Das ist die beste Prävention. Ein altersgerecht über Sexualität informiertes Kind ist sehr viel besser geschützt. Ein Kind, welches mit sexuellen Tabus aufwächst, das keine Ahnung hat, wird viel leichter Verbrechensopfer und braucht deutlich länger, bis es über erlebte Sexualisierte Verbrechen spricht (falls es das je tut).

  11. Sag Kindern immer die Wahrheit, schaff ein Leben in einem von Ehrlichkeit geprägten Umfeld, selbst wenn das gelegentlich peinlich scheint. Kinder die Lügen und Halbwahrheiten gewohnt sind, werden in Krisen nicht ehrlicher und sind einfach davon zu überzeugen, „darüber niemals zu reden.“ Glaube nicht, dass das ein harmloser Ratschlag ist.

Schaff nie ein Verhältnis von Halbwahrheiten, nie eines von „das verstehen die Kleinen sowieso nicht“, sondern ein Klima, in dem klar ist, dass Kinder ernst und für voll genommen werden.

  1. Habe Freundinnen und pflege diese Freundschaften.

Wenn eine Frau in deinem Umfeld eine dieser symbiotischen Beziehungen á la „ich verbringe jede Sekunde mit ihm“ (und zwar mit ihm allein) beginnt, mach ihr deutlich klar, dass sie in drei, in zwölf und in 36 Monaten willkommen sein wird, falls sie sich wieder meldet. Isolierung ist einer der ersten Schritte in die Gewalt. Zum besten Schutz gegen häusliche Gewalt und Vergewaltigung zählt es, gute Freundinnen zu haben. Sei eine. Habe eine Freundin, oder am besten fünf.

  1. Glaub einfach nicht, dass eine/r dreimal hintereinander die Stiege hinunter gefallen ist. Mach ihr klar: „Du bist mehr wert als das.“

  2. Fordern wir einen angemessenen Sprachgebrauch. Ein Sexmonster ist ein Wesen aus der Phantasie jener Journalist*innen, mit denen niemand zu tun haben möchte. Eine Beziehungstat ist, wenn sie ihm Blumen schenkt und er ihr das Hemd bügelt. Mord, Vergewaltigung und Gewalt sind Verbrechen und als solche zu benennen. Das hübsch dahin schwingende Wort „Missbrauch“, bei dessen Klang man sich vorstellt, wie irgendwo eine nackte Hand einen bekleideten Hintern berührt und dann gedanklich abschwenkt, ist sehr beliebt und führt die Öffentlichkeit weg von dem enormen Elend, das in einer Vergewaltigung steckt. Kein Vergewaltiger wird in den Medien so schäbig behandelt wie eine vergewaltigte Frau.

  3. Pflegen wir diesen Sprachgebrauch selbst.

  4. Widersprich, wenn Leute Gewalt verharmlosen und sagen „die hat ja einen Mini angehabt“ oder „die ist ja selber schuld“. Das ist vielleicht die wichtigste Tat und was langfristig am meisten bewirkt. Widersprich, wenn häusliche Gewalt gut geheißen wird und jemand sagt „na die war aber auch depat.“

  5. Demonstriere vor Gerichten, die jenseitige Urteile fällen, beschwere dich, schreib Leser*innen-Briefe, poste, twittere, kommentiere Onlinezeitungen, geh zu Demos, feiere One Billion Rising oder organisiere selbst.

  6. Hör auf, Frauen für ihre autonome Sexualität und ihre Erotik abzuwerten.

  7. Eine von drei! Eine von drei Frauen weltweit wird vergewaltigt. In Österreich mindestens eine von fünf. Es steht dir zu, dich zu wehren. Es steht dir zu, auf dein Bauchgefühl zu hören. Es gibt keinen Grund und keine Ursache für Gewalt außer der Täterin oder dem Täter.

  8. und bitte nochmals Punkt 1.

Das ist nur ein kurzer Abriss über all das, was zum Thema Rape Culture zu sagen ist. Genauso wie wir in wenigen Jahrzehnten geschafft haben, die „g`sunde Watschen“ und Gewalt gegen Kinder einzudämmen, werden wir Sexualisierte Gewalt reduzieren. Vielen Dank für Dein Interesse! Wir stehen auf den Schultern unserer Vorgänger*innen. Es ist noch viel zu tun.

Sei ein Teil derer, die diese Arbeit tun. Schauen wir gemeinsam hin, selbst wenn es weh tut. 

(c) Helga Christina Pregesbauer

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