TONI SAILER IST TOT: LANG LEBE TONI SAILER

Angepatzt, was heißt eigentlich angepatzt? Ein Strafverfahren zu diskutieren, eine Anzeige zu thematisieren, eine politische Intervention um ein Strafverfahren zu verhindern, das ist kein Anpatzen. Das ist eine Diskussion. Wie lassen nicht nur die Vergewaltiger frei herumlaufen, wir diffamieren neuerdings nicht nur die vergewaltigten Frauen, sondern auch noch alle, die überhaupt darüber reden. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Anwendung des Alphabets in Österreich äußern sich massenhaft Spitzenpolitiker zum Thema Vergewaltigung. Und sie sind es, die anpatzen. Das Vergewaltigungsopfer nämlich. Alle, die kritisch hinter die Heiligenverehrung von Toni Sailer blicken nämlich. Nicht etwa, um einen Täter oder Vergewaltigung oder den Umgang mit Vergewaltigungsopfern zu kritisieren. Was das alles bei vergewaltigten Frauen anrichtet interessiert wie immer: Niemanden. Alles beim alten in Österreich. Oder doch eher alles beim Alten?

Die Diffamierung aller, die die Goschn nicht halten. Als im Januar 2018 die ersten Vorwürfe einer Vergewaltigung mit massiver Gewaltanwendung gegen Toni Sailer in den Medien kamen, warfen sich vom Vizekanzler abwärts zahllose Männer für Sailer in die Bresche. Dabei war keiner von ihnen. Die Akten kannte keiner von ihnen. Die Frau gefragt hat sowieso keiner. Danke Herr Landeshauptmann Platter. Danke Herr Strache. Wer von euch beiden hat jemals aktiv einen Finger gegen Vergewaltigungen gehoben? Während unser aller Bimaz (selbsternannter Bester Innen Minister Aller Zeiten) Kickl und die Frauenministerin alles wegsparen oder einstellen was vergewaltigten und geprügelten Frauen und Kindern geholfen hat, während seit Türkis-Blau die Wegweisungen von gewalttätigen Familienmitgliedern zurückgehen steigt die Gewalt.

Platter, Bimaz, Bogner-Strauß, und alle Türkis-Blau-Wählenden: Habt ihr Töchter? Mindestens jede fünfte Frau in diesem Land wird vergewaltigt. Ein Vater, der zwei Töchter hat, ist zu 50% Vater einer Frau, die einmal vergewaltigt wird. Von 15 Frauen die vergewaltigt werden zeigt eine an. Tendenz sinkend. Von 100 Vergewaltigungen wird rein statistisch eine halbe mit einer Strafe vom Gericht belegt, die meisten davon bedingt, d.h. ohne Haftstrafe. Habt ihr Töchter, Leute? Frauen? Immerhin haben alle eine Mutter.

Herr Platter bräuchte 200 vergewaltigte Töchter, damit in einem Fall der Täter verurteilt wird. Wir schreiben das Jahr 2018. Österreich. „Angepatzt“ wird hier nicht Sailer. Angepatzt werden gegen jeden Verstand wieder die Vergewaltigungsopfer, weil bei jedem Verdacht immer noch und sofort die Männer reihenweise die Stifte spitzen und in die Tasten hauen, um die Täter oder die Beschuldigten zu verteidigen. Sofort, unhinterfragt, ohne Aktenkenntnis, ganz intuitiv machen die Herren das. Eure Empörung zeigt vor allem, dass keinerlei Rationalität zum Zuge kommt in euren Sailer-Verteidigungen. Es geht darum, in einem System der Gewalt die Männer zu beschützen, egal wer das Opfer ist. Die Unschuldsvermutung gilt dabei für die vergewaltigten Frauen nie. Darf ein Vizekanzler das? Ginge es nicht um einen weißen, inländischen, legendären Spitzenskifahrer sondern um einen dunkelhäutigen Asylwerber wäre an seiner Schuld kein Zweifel. Ist das Spitzenpolitikern würdig?

Es geht nicht um den Sailer. Es ist für das folgende völlig gleichgültig, ob der Heilige Toni S. schuldig oder unschuldig war. Ich weiß weder ob er schuldig war und es ist für alle meine folgenden Ausführungen irrelevant. Am Fall Sailer kann man wunderbar aus den zweiten und dritten Reihen beobachten wie reflexartig alle Männer zu Experten für jeden Einzelfall werden und wer Rechte hat und wem sie abgesprochen werden. Abgesehen davon dass es nach wie vor für kaum ein Vergewaltigungsopfer juristisch zu ihrem oder seinem Recht kommt spricht man es ihnen im wahrsten Sinne des Wortes auch außerhalb der Gerichte ab.

Ich war nicht dabei, ich weiß nicht was gewesen ist oder nicht. Die anderen, die sich grimmig aufpudeln und hitzig und ohne Nachdenksekunde Sailers Partei ergreifen auch nicht. Wir waren alle nicht dabei.

Deren Diffamierungen sind es, die dazu führen, dass in Österreich 14 von 15 Frauen keine Anzeige machen, sind die Ursache von Retraumatisierung und Verfestigung der psychischen und psychosomatischen Folgen von Gewalt gegen Frauen. Das ist kein linkslinker Emanzendreck, sondern Ergebnis langjähriger Forschungen in mehreren Disziplinen: Traumata lasten viel schlimmer, länger, tiefer und schwerer auf Personen, die keine Unterstützung im Umfeld finden und die selbst kritisiert werden bzw. die Widerständen, Beleidigungen und Diffamierungen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Im Angloamerikanischen Raum nennt man das Second Rape. Das gilt für jede Form von Gewalt oder Verbrechen, aber nur bei Sexualisierten Verbrechen ist es so weit verbreitet, dass es dafür einen eigenen Begriff gebraucht hat.

Wir haben ein Gesetz, das uns zu medizinischer erste Hilfe verpflichtet, und wir haben uns als Staat vertraglich verpflichtet, Frauen und Kindern die vor Gewalt fliehen ein Frauenhaus zur Verfügung zu stellen. Letzteres erfüllen wir nicht. Beratungsstellen sind teilweise erbärmlich unterfinanziert.

Und ihr, ihr Platters und Allfelixe und Straches, könnt mir jetzt wieder einmal erzählen, dass „echte Vergewaltigungen“ euch eh so tief treffen: Oberösterreichs Frauenhäuser haben voriges Jahr hunderte Frauen und Kinder vorerst abweisen müssen. Und ihr wisst genau wohin die dann gehen: Zurück nach Hause. Wir wissen alle, was das heißt. Wo ist das Engagement der Herren für echte Vergewaltigung? Es gibt keines. Es existiert ganz einfach nicht. Es ist eine Lüge. Ihr instrumentalisierte Vergewaltigungen von Ausländern gegen Inländerinnen um euren Rassismus und eure Xenophobie zu untermauern. Vergewaltigten Frauen und der Gewaltprävention streicht ihr an allen Ecken Gelder! Die Rechten fordern Schwanz-ab für Vergewaltiger (Strache hat sich wiederholt für die chemische Kastration ausgesprochen, die kontraproduktiv und offen gesagt blöd ist) aber wenn es dann einer ist den ihr lieb habt wisst ihr hellseherisch von der Ferne dass er´s nicht wahr und streicht wo es geht dem Gewaltschutz die Gelder. Wie überzeugend: Nicht!

Niemand von unserer parteiübergreifenden Buberlpartie in der Strache-Platter-Kreisky-Personalunion hat die Möglichkeit gehabt zu prüfen, ob Saier schuldig oder teilschuldig war. Es war ihnen damals scheissegal und es ist den Sailer-Verteidigern heute scheissegal, ob er schuldig oder unschuldig war. Es ist euch egal und damit sind euch die vergewaltigten Frauen scheissegal. Denn die kleinen Mäderln saßen damals wie heute vor dem Fernseher, hören was zum Fall Sailers zu hören war und wussten: Lieber nix sagen, lieber den Mund halten, nicht so enden wie diese Frauen, so wie man die verreißt und beschämt, so wie man sie beleidigt und herabwürdigt. Und wenn mann gar nicht mehr weiter weiß, dann war sie im Zweifelsfall immer noch eine Hure. Abrakadabra.

Die Männer retten nicht nur sich, sie retten ein Männerbild, sie retten die Idee dass man an Männern nicht zweifeln darf und dass Heroen unantastbar sind. Und es nicht nur sind, sondern unantastbar bleiben müssen. Die Vorstellung vor allem dunkle, finstere, fremdländische Kerle würden Frauen Gewalt antun wird zementiert, während weit über 90% aller Gewaltverbrechen an Frauen von deren engsten Verwandten und Bekannten ausgehen. Der finstere dunkle Verbrecher ist dein Ehemann, dein Exfreund, dein Vater, dein Bruder oder dein Onkel oder dein netter Nachbar.

Doppeloral

Immer wieder höre ich, wir sollen der Justiz vertrauen – das tun die Männer doch auch nicht! Männer wie Sailer schicken Diplomaten, Minister, Kanzler vor.  Für vergewaltigte Frauen rennt keine Frauenministerin, kein Kanzler, kein Vizekanzler, kein Minister und auch sonst niemand. Es sind ein paar verrückte unterbezahlte oder ehrenamtliche Frauen, die sich das antun, ohne sich zu beschweren. Die Verurteilungsrate ist tiefer als der Keller der Hölle. Wieso sollten wir Frauen gerade da der Justiz vertrauen? Sailer hat ihr jedenfalls nicht vertraut. Kreisky damals auch nicht!

Ich habe hunderte Vergewaltigungs-Prozess-Akten durchgeschaut. Gerechtigkeit fand ich in keiner. Einer Justiz und eine Gesellschaft, die dergestalt sind, dass bis heute von 200 Vergewaltigern einer  eine Strafe bekommt.

Der österreichische Botschafter hinterlegte mit Steuergeld eine Geldsumme, um die man damals in Österreich ein kleines und in Polen ein ganz ordentliches Haus kaufen konnte, damit der Prominente frei kam – mitsamt seines Reisepasses. Das zu tun war eine Anweisung des damaligen Außenministers Kirchschläger. Es wurde massiver Druck auf Staatsanwalt (!!) und beim Außenministerium Polens ausgeübt. Und das soll man jetzt nicht diskutieren dürfen? Na wenn sich das mal eine Frau trauen täte!

Der Sailer ist tot. Die Frau lebt noch. Wir Frauen, wir leben noch.

Wir fordern unser Recht auf die sexuelle Integrität, wir fordern die Oberhoheit über unsere Körper und eine gerechte Justiz. Und wir reden worüber wir wollen! Und die Männerpartie, die jetzt für den Sailer packelt, euch sage ich: Ihr ward nicht dabei. Ich war nicht dabei. Warum ist euch das so wichtig, dass man den Sailer nicht anpatzt?

Wer glaubt es gibt keine Beweise: Sailer selbst wiederlegt das. Er hatte keinen Prozess, weil die Männerbünde diesen verhindert haben.

Ihr seid zu schwach, um über Vergewaltigung zu reden. Und ich bin zu schwach, um den Mund zu halten, wenn ihr, die Mächtigen reichen Männer Österreichs wieder einmal so wie jedes Mal mauert, schweigt, schweigen verlangt, uns Frauen zwingen wollt den Mund zu halten und ich habe euch satter als sattest. Sowas von satt. Und wir Frauen reden und reden und reden. Eure Mauerversuche und eure Packeleien sind schon so lange zu schwach und eurer Mauersteine zu weich als dass sie unsere Worte und Berichte noch aufhalten können! Und kein Politiker hat zu unserer Hilfe etwas beigetragen. Wir Frauen mussten das alles von unten erkämpfen.

Ihr könnt uns vergewaltigen und straffrei bleiben.

Ihr könnt uns ausgreifen und begrapschen und lachen dabei.

Ob das so bleibt wird die Geschichte zeigen.

Aber den Mund halten wir schon lange nicht mehr. Und das wird so bleiben.

Der Feminismus nervt, weil er recht hat. Und wenn euch die Berichte über Vergewaltigungen nerven, dann verhindert sie halt, die Vergewaltigungen. Helft sie zu verhindern. Lernt das euren Buben, Söhnen, Brüdern, den Männern. Und wenn euch der Feminismus nervt, dann schafft halt die Diskriminierung ab, den Sexismus und die Gewalt gegen Frauen. So einfach ist das. Wer den Feminismus bekämpft, will das über Gewalt gegen Frauen geschwiegen wird. Haha – Pech gehabt.

Weltweit wird jede dritte Frau vergewaltigt, und das besorgt nicht alles ein einziger Täter allein, da muss wo ein mindestens zweiter sein. Was für eine Überraschung. Aber auch 2018 noch glauben Journalisten, die den Fall nicht kennen (aber das Land, aber das Land!!) und auch sonst keine Ahnung von Gewalt gegen Frauen haben eher dass es eine KGB-Verschwörung gegen die Republik Österreich gab als dass ein alkoholsüchtiger Mann eine Frau vergewaltigt und verdroschen haben könnte. Juhu, was für eine Denkleistung. Kann sich einer überhaupt irren, der nie nachgedacht hat? Über Frauen und Frauenthemen sich qualifiziert zu äußern ist ab der Zeugung jeder Homo Sapiens kompetent genug. Was für den Skisport und Autorennen sicher nicht gilt. Das ist die „Sauerei“, Herr Platter, weil die Opfer leben noch, aber die Opfer schaffen es in kein Landeshauptmannshirn.

Ein kleiner Tipp von mir: Dort, wo jede und jeder ganz urplötzlich alle Expertinnen sind und alles ganz genau und sicher wissen, dort wo es reine Wahrheiten und Gedanken frei von jedem Zweifel gibt, da ist oft ein kleiner Sumpf.

Das alte Schweigen

Ich hatte unlängst mit einem mir nicht so gut Bekannten ein längeres Gespräch über Gewalt und es ist immer das gleiche: Jede vierte Frau in Österreich und jede dritte Weltweit wird vergewaltigt, also richtig vergewaltigt mit Penis in Vagina und so und das gegen ihren Willen, Verletzungen, ihr wisst schon. Und er fragte: Glaubst du das? Jede vierte? Das kann ja nicht sein. Und ich verstehe das, weil das dachte ich auch früher. Aber dann habe ich mal mein Umfeld durchgezählt, die Frauen rund um mich. Und dann habe ich geweint. Es waren weit mehr als nur jede vierte.

Heute sage ich das: „Ich glaube dass es viel mehr sind.“ Und dann frage ich diese Leute immer, sag, jede vierte Frau, und wie viele kennst du, die einmal vergewaltigt worden sind?

Ihr alle kennt Leute, die einen Autounfall hatten, die sich etwas gebrochen haben, die ein Burnout hatten. Darüber dürfen wir nämlich reden, weil dann bekommen wir MITGEFÜHL. Eine Frau die darüber redet dass sie vergewaltigt worden ist BEKOMMT HASS UND KRITIK. Sie wird durchleuchtet bis ins Unterhoserl, ihr Leben und Verhalten (und oft auch das ihrer Freund*innen, Familie, Partner*innen) wird durchleuchtet bis ins Unterhoserl und das bis zurück zu ihrer Geburt. Was hatte sie an, mit wem hat sie Kontakt, was sind das für Leute, wann hatte sie das letzte Mal Sex, wie hatte sie diesen Sex, hat sie Empfängnis verhütet und wie, hatte sie Streit mit dem Beschuldigten, hatte sie Gründe ihm zu schaden, war sie jemals eifersüchtig, wie leger ist ihr Sexualleben, war sie schon mal in Psychotherapie, Psychiatrie, Neurologie und welche Schuhe trug der Täter während der Tat. Welche Farben hatten die Schuhe, ach das wissen sie nicht genau, Verfahren eingestellt. Das ist kein Witz, alle diese Fragen bekommt fast jede vergewaltigte Frau bei Gericht gestellt.

All das fragt die Täter niemand, all das recherchiert beim Täter niemand. All das fragt ein Überfallsopfer niemand. Und wenn das Überfallsopfer sagt es kann sich nicht an die Schuhfarbe erinnern, dann stellt deswegen niemand den Fall ein. Bei Frauen gilt das als „Widerspruch“ und führte zu Einstellungen von Verfahren. Und das ist leider längst nicht die dümmste Einstellungsbegründung, die Staatsanwält*innen jeden Geschlechts für die Ewigkeit niederschreiben. Viele Beratungsstellen halten die vergewaltigten Frauen von den Einstellungsbegründunen prinzipiell fern, weil die Behauptungen darin unzumutbar sind. Europa, 2018. Einundzwanzigstes Jahrhundert.

Täter schützen!

Die Platters und Straches zementieren ein System, das schon ordentlich bröckelt: Frauen haltet den Mund. Den unkritischen Verteidigern Sailers ist nämlich nachlesbar scheissegal, was an der Sailer-Gschicht dran ist, ob sie wahr ist oder nicht. Sonst hätten sie das thematisiert. Aber das tun sie nicht. Ihr recherchiert es nicht, weil es euch nicht interessiert, weil das keine Rolle spielt für euch. Es geht nicht darum was wirklich wahr, es geht darum nicht glauben zu wollen, dass es vielleicht eine Vergewaltigung gegeben haben könnte.

Haben sich die Sailerverteidiger eigentlich einmal gefragt, was es für die mindestens eine Million vergewaltigten (Frauen in Österreich bedeutet, am laufenden Band zu sehen, wie Vergewaltiger von Mächtigen, von Medien, von Spitzenpolitikern, von den Männern verteidigt werden? Während bei jedem einzelnen Vergewaltigungsfall sofort die Schallplatte von der „Falschbeschuldigung“ aufgelegt wird – nämlich von euch? Das wir Frauen ständig davon lesen, dass wir verlogene oder anpatzende sind. Das ist dann eine „Sauerei“ für Landeshauptmann Günther Platter oder „eine miese Kampagne“ für Witzekanzler und Sportminister Strache.[i] Und das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von vergewaltigten Frauen hat. Sauereien, Anpatzereien, Verlogenheiten, miese Kampagnen.

Alle Beweise sind immer zu wenige Beweise

Es heißt immer, es gäbe ja kaum Beweise und nie Zeug*innen, und wenn es richtige Beweise gäbe dann wäre das ja eh alles glasklar. Beweise und Zeug*innen ändern aber nie etwas.

Im Fall Saier Sailer gab es zwei Zeugen. Es gab multiple Verletzungen. Es gab vaginale Verletzungen. Es gab ein medizinisches Gutachten, welches eine Vergewaltigung festgestellt hatte. Das Verfahren wurde nie eingestellt, weil es keines gab. Im Gegensatz wurde trotz Indizien, Gutachten, medizinischem Gutachten, drei Zeugen und weiteren Beweisen keine Anzeige erstattet. Freigesprochen war er also nicht. Anzeige erstattet hat der Arzt im Krankenhaus, der die möglicherweise vergewaltigte Frau behandelte. Der Vorwurf lautete, drei Männer hätten der Frau ein Handtuch in den Mund gestopft und sie festgehalten, während einer sie vergewaltigte.

Kommentar eines polnischen Skifuzzis „Wenn wir gewusst hätten, was kommt, hätten wir besser auf den Toni aufgepasst.“[ii] Was kommt, nicht was „passiert“. Auf den Toni, nicht auf die Frau. Aufgepasst, nicht einen Verbrecher an einem Verbrechen abgehalten. Das ist wie genau diese Männer denken: Die Männer muss man schützen, nicht die Frauen. Und genauso rennt ganz viel heute noch immer.

Unser Recht gilt für alle und zwar für alle gleich. Ob einer* eine Skilegende war oder nicht muss der Justiz gleich-gültig sein und bleiben.

Die Medien sprechen heute noch immer die gleiche Sprache, sie sprechen von „Empörung“ wo es tatsächlich Verzweiflung und berechtigte Wut gibt. Sie sprechen vom „Vorwurf einer schweren Entgleisung“, wenn ein schweres Sexualverbrechen mit schwerer körperlicher Gewalt gab.

„Will man einen Giganten des Sports zerstören?“ fragen Mann sich. Falls Sailer schuldig war (was ich nicht weiß, aber die anderen wollen es nicht wissen, für sie steht seine Unschuld fest): Will man zusehen, wie Frauen „zerstört“ werden? Ja. Man will. Will man dann dass Giganten des Sports straffrei vergewaltigen können? Ja.  Und das man 8, 9 Jahre nach deren Tod noch darüber schweigen müsse? Ja. Will man ignorieren, dass Sailer der Gigant sich selbst zerstört hat, in dem er kriminelle Taten beging? Ja.

Und falls Sailer unschuldig war, will man Vergewaltigung straffrei lassen und die Diskussion darüber verbieten? Ja. Will man.

Man bedauert, dass der Heilige Toni die Sache nicht mehr klarstellen kann. Bitte seit wann kann der Täter allein die Sache „klarstellen“? Bei Vergewaltigung erwartet man sich die eine reine saubere echte Wahrheit vom Beschuldigten, vom Täter. Auf die Idee kämen wir alle bei keinem anderen Verbrechen. Und die ist ganz objektiv betrachtet so falsch wie abstrus. Auf die Idee das die vom Verbrechen betroffene Person irgendetwas klarstellen könnte kommt dabei mann kaum. Auf die Idee dass auch die vergewaltigten Menschen ein  Anrecht auf Klarstellung haben muss man die Welt erst gewöhnen, langsam und in Mikrodosis.

Dass bei JEDER Vergewaltigung jedes Mal der Vorwurf der Falschbeschuldigung oder Verschwörung oder Erpressung oder Falle oder Gier des Weibes auftaucht, das kommt immer noch zu vielen Menschen nicht komisch vor? Gähn.

Auf die Idee, das straflose Vergewaltigungen das „Ansehen Österreichs“ und den für „Österreich so wichtigen Wintersport und den Wintertourismus“ schädigen, das kommt denen gar nicht in den Sinn. Dass ein ernstzunehmender Umgang und Opferschutz unser Ansehen heben, das kommt der Buberlpartei gar nicht erst in einen Gedanken.

Dabei braucht nicht mehr, als was Axel Naglich geschafft hat zu formulieren. Nachdem er seine Wertschätzung für Sailer ausdrückt sagt er: „Wenn die Vorwürfe stimmen, dann müsste er (Sailer) heute dafür geradestehen, wenn er noch am Leben wäre.“[iii] Und das reicht. Mehr brauchen wir nicht. Mehr brauche ich nicht, um mir Tränen in den Augen zu treiben, weil es doch einen gibt, der vernünftig bleibt. Danke, Herr Naglich.

Gute Nachricht für die Täterschützer: Das  Opfer von Kavanaugh, die Psychlogieprofessorin Christine Blasey Ford, und Khadija, die junge zwei Monate lang vergewaltigte Marokkanerin mit dem Hashtag #JusticePourKhadija, bekommen Morddrohungen und brauchen Personenschutz. Schlechte Nachricht für die Täterschützer: Obwohl vergewaltigte Männer, Frauen und Kinder diffamiert werden, obwohl kaum ein Artikel über Vergewaltigung auskommt ohne die uralten Vergewaltigungsmythen von den unzähligen sogenannten „Falschbeschuldigungen“ herunterzubeten wie das Amen im Gebet obwohl das seit Jahrzehnten widerlegte Diffamierungen sind und es kein Verbrechen mit weniger Falschbeschuldigungen gibt als Sexualisierte Gewalt, sprechen sie noch! Sie sprechen, reden, schreien und schreiben. Sie geben Interviews und zeigen an. Und es wird kein Ende nehmen. Wir sitzen nicht mehr daheim und schneiden uns mit Rasierklingen ins Fleisch. Wir machen den Mund auf. Die Zeit des Schweigens ist vorbei.

© Helga Christina Pregesbauer

[i] Platter hält Sailer-Berichte für „Sauerei“. ohne Autorenangabe. 18.1.2018,  https://kurier.at/sport/wintersport/landeshauptmann-platter-haelt-sailer-berichte-fuer-sauerei/307.292.213
[ii] https://asset3.stern.de/producing/2018/PDF/stern-1975-nr-11-Wien-ToniSailer.pdf
[iii] Vorfall vor 44 Jahren. Fall Toni Sailer: Ein Akt sorgt für Empörung, Florian Madl und Max Ischia. Tiroler Tageszeitung 18.1.2018, https://www.tt.com/sport/wintersport/13902454/fall-toni-sailer-ein-akt-sorgt-fuer-empoerung
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