Pick up Artists? Demorede

Februar 2016

Pick up Artists? Demorede!

Vergewaltigung betrifft in Österreich ungefähr eine Million Menschen, wenn man davon ausgeht dass jede fünfte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von einem schweren sexualisierten Verbrechen betroffen ist, jede vierte von Sexualisierter Gewalt in irgendeiner Form und so gut wie jede Frau von sexualisierter Belästigung. Stellt euch vor, für jede vergewaltigte Person in Österreich wäre – statistisch gesehen – auf diesem orangen Viereck ein Punkt. Jeder Punkt steht für eine vergewaltigte Person. Eine Million Punkte. Fast alle kennen die Täter*innen mit Namen. Davon machen in Österreich weniger als jede zehnte Person (je nachdem wie genau man definiert sogar nur jede 15. Person) eine Anzeige beziehungsweise wird eine Anzeige von anderen gemacht. Dann bleiben davon ungefähr so viele übrig, die bei der Polizei gemeldet werden:

Da fehlen schon viele. Es fehlen die meisten.

Die Staatsanwaltschaften nehmen nach Auskunft der Beratungseinrichtungen nicht einmal als die Hälfte der Anzeigen an. Das bedeutet, dass weniger als die Hälfte dieser Personen erlebt, dass die Täter*innen angeklagt werden und ein Gerichtsverfahren haben. Dann bleiben noch so viele, die überhaupt einen Prozess bei Gericht haben:

im Vergleich zu so vielen, die von Sexualisierten Verbrechen betroffen sind:

Von jenen Personen, die also ein Gerichtsverfahren haben, und deren Fall somit vor einer Richterin oder einem Richter landet, wurden bei der letzten viele Jahre zurückliegenden wissenschaftlichen Erfassung 13% der Täter*innen verurteilt und also mit einer Strafe belegt. Niemand – nicht einmal die Justiz selbst – nimmt an, dass die anderen 99% lügen, die Unwahrheit sagen oder es keine Verbrechen gab. Die Mehrheit der Verurteilungen sprachen bedingte Haftstrafen aus, also keine Gefängnisstrafen. Das sind dann im Vergleich so viele:

Weniger als ein Prozent der Vergewaltigungen in Österreich wird vor Gericht bestraft. Das sieht dann im Vergleich so aus. Schwarz ist der Teil, wo die Täter*innen eine Strafe bekommen. Hier sei angemerkt, dass ich bei den Berechnungen immer die freundlichste Zahl herangezogen habe, die es aus den seriösen Untersuchungen gibt. Wenn ich die unfreundlichsten genommen hätte, dann wäre der schwarze Quader noch kleiner:

Wir haben also ein Problem, ein großes Problem. Unsere Bildungsministerin sagt einer Bekannten von mir, die sie mit diesem Problem konfrontiert hatte, dass sie nichts tun könne. Da unterscheidet sie sich von mir und euch, denn ich kann etwas tun und ihr auch. Dazu später.

Warum keine Anzeigen?

Kommen wir vorher noch einmal zurück zu den mehr als 90% jener betroffenen Frauen und Männer, die nie eine Anzeige machen. Warum zeigen sie nicht an, obwohl in 95% der Fälle die Täter*innen namentlich bekannt sind?

Weil ihnen ständig von vielen unterschiedlcihen Seiten erklärt wird, Frauen würden alle nur lügen, wenn sie sagen sie hätten Sexualisierte Gewalt erlitten. Die Medien, die Justizmitarbeiter*innen, die Literatur, die Kunst, die Zeitungen und Zeitschriften, die Verwandten und das soziale Umfeld verbreiten diese Botschaft täglich. Jede Woche steht ein, zwei Mal in einer österreichischen Zeitung, dass die Frauen alle oder fast alle lügen würden. Oder 80 Prozent. Oder die Hälfte. Kein Medium hat Scheu, diese Behauptung zu wiederholen, besonders die hierzulande als „linke“ eingereihte Medien (der Augustin sei hier ausdrücklich ausgenommen) und der selbsternannte „Qualitätsjournalismus“. Linke Medien, die sich eher noch der Theorie annehmen, sind sogar sexistischer als auch kritischer gegenüber Frauen die von Sexualisierter Gewalt betroffen sind als die schlecht beleumundeten Boulevardmedien.

Die Angst, dass ihnen nicht geglaubt würde ist nach Aussage von Beratungseinrichtungen, laut #aufschrei und nach Erkenntnis wissenschaftlicher Untersuchungen die Hauptursache bei allen Betroffen, dass Frauen sich keine Hilfe holen, nicht anzeigen und sich selbst als schuldig verstehen. Es ist aber auch die Hauptursache für die Nichtanklagen der Staatsanwaltschaften und die Nichtverurteilung durch die Gerichte. In Deutschland gibt es dafür sogar ein neues Wort: den Kachelmann-Effekt. Die Gerichtsmitarbeiter*innen haben sehr große Angst jemanden falsch zu verurteilen, aber keine Angst einen Vergewaltiger unbestraft zu lassen.

Die Folgen von Vergewaltigung werden in österreichischen und internationalen verharmlost und heruntergespielt, regelmäßig inhaftierte oder bestrafe Täter bedauert (nur die männlichen übrigens). Ein Mitgefühl, dass man für die Verbrechensopfer nicht immer erwarten darf. Und das wissen wir, das lernen wir täglich aus den Medien, und das lernen die Betroffenen einer Vergewaltigung. Man lügt ihnen vor, dass ihnen niemand glauben würde. Und das ist natürlich dann für sie unerträglich. Die Öffentlichkeit bringt Vergewaltigungsopfern das Schweigen bei. Aber auch das Lügen, nur ihre Lügen sind anders als wir glauben.

Sie lügen und sagen, es sei alles ok, sie sagen es geht schon, sie sagen, es war nix, sie sagen nichts, sie schweigen.

Eine Lücke im Diskurs

Was völlig fehlt in den Medien sind Berichte und Erwähnung dessen

  • dass die Behauptung die Frauen würden lügen falsch sind

  • das Faktum dass die Täter*innen immer lügen

  • Strukturanalysen, Beschreibungen der Gewalt und ihrer Dynamiken

  • Informationen über reale, alltägliche, durchschnittliche Vergewaltigungen, wie sie die Mehrheit der Fälle darstellen, wo die Gewalt normalerweise über Monate, Jahre und Jahrzehnte geht und die Täter*innen aus dem nächsten sozialen Umfeld stammen.

Sexualisierte Gewalt findet nicht nur durch Ausländer und in extremen Ausprägungen wie im Fall Fritzl oder Dutroux statt, sondern ständig und an allen Orten, an denen sich Menschen bewegen: am Arbeitsplatz und im Beruf, an der Universität, in Autoritätsverhältnissen, Schulen, in der Ehe und in Beziehungen, durch ehemalige Lebensgefährt*innen, Geschwister, Väter, Mütter und weitere Verwandte.

Da hinzuschauen statt sich über den Marcus Franz und seine postpupertären Männerwitze aufzupudeln tut nämlich weh. Es tut sehr weh. Deswegen meiden wir es. Wir meiden es auch, weil wir dazu erzogen werden. Und diese Art der Erziehung nennt man Rape Culture.

Die Struktur, die uns die Rape Culture aufzwingt bedingt unter anderem, dass wir so gut wie nur über

  1. harmlose Fälle

  2. Migranten und den Fremdtäter der hinter der Hecke hervorspringt (der nach den höchsten Schätzungen weniger als 5% der Sexualisierten Verbrechen begeht) und

  3. Extremfälle, die in der Realität kaum passieren und mit denen wir die Verbrecher auch nicht in Übereinstimmung bringen können (wie Dutroux)

    reden, lesen und hören.

Es ist völlig in Ordnung über Marcus Franz, den Pürstel-Sager, über harmloses, Grapschen, Migranten und Fremde als Täter*innen und ebenso über Extremfälle wie Dutroux zu berichten! Es ist ein massives extremes großes Problem und es ist Teil der Rape Culture, wenn wir nur über harmloses, Migranten und Extremfälle berichten und diskutieren! Denn nur Marcus Franz und „Frauen bleibt nachts zu Hause“ zu kritisieren (meiner persönlichen Meinung nach gehören die ausgelacht – und inhaltlich kritisiert) ist eine Verharmlosung der Problemlage und nimmt dem täglichen realen existenten Verbrechen die Medienaufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit von Zivilgesellschaft und Journalismus brauchen wir aber dringend als Verbündete, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.

Politische Kämpfe sind dann erfolgreich, wenn sie fordern statt nur zu reagieren. Ihr müsst FORDERUNGEN stellen statt nur euch im Anlassfall aufzuregen. Forderungen sind notwendig, wenn man eine Gesellschaft verändern will.

Unterschiedliche Strukturen der Diskriminierung stützen sich immer gegenseitig. Sie sind fast immer ein Teil der gleichen Repression. Frauenhass und Sexismus, Transphobie und Rassismus, Homophobie und Hurenhass, Puttophobie und Hurenstigma, Antisemitismus und Islamphobie sind lauter Finger an einer Hand. Wer glaubt auf den Rassismuszug aufzuspringen würde ihn ans eigene Ziel lenken irrt sich bitter. Während früher allein die Fremden mit den vergifteten Zuckerln, die Schwulen und die Zuhälter als schuldig galten an Vergewaltigungen sind es heute die Migranten, die Flüchtlinge und die Sexarbeiterinnen (Anmerkung: nur die weiblichen).

Wenn wir dieses große Problem verändern wollen – und es zu verändern wird sehr schmerzvoll für uns alle werden – dann müssen wir über die durchschnittlichen Vergewaltigungen wie sie täglich stattfinden so sprechen, über die Dynamiken, Strukturen, die Probleme der Justiz.

Die Verve die jetzt alle haben der Welt zu erklären dass die Migranten nicht das Problem bei sexualisierter Gewalt sind wünsche ich mir, wenn das nächste mal ein Vergewaltiger freigesprochen oder die Anklage abgewiesen wird, weil es doch bdsm gewesen sein soll. In solchen Fällen brauche ich eure Energien. und eure Demos. Verfahrenseinstellungen wegen BDSM wo jeder Depp sehen kann dass kein BDSM im Spiel war gibt es viele, viel zu viele, jedes Jahr und auch hier in Österreich. Die Justiz sieht das nämlich bisher nicht (die BDSM community ist soweit ich weiß entsetzt über diese Anklageabweisungen). Demos gibt es da nie. Bis jetzt. Bitte ändert das.

Ich wünsche mir für 2016

  • Shitstorms gegen Medien, welche die Dauerverleumdung regelmäßig verbreiten, dass die Vergewaltigungsbehauptungen alle oder mehrheitlich oder oft auf Lügen basieren würden

  • zehn nein zwanzig nein dreißig Demos gegen Gerichte und die Justizmitarbeiter*innen, die Vergewaltigung freisprechen oder die Anklage ablehnen weil es BDSM („leidenschaftlicher Sex“) gewesen wäre

  • wenn Gegenklagen wegen Rufschädigung angenommen werden, obwohl die Frauen nachweislich physische Verletzungen hatten

  • dass wir endlich die 80 Frauenhausplätze zu denen wir uns mit der Istanbulkonvention verpflichtet haben bekommen

  • mehr Geld für Prävention (Frauenberatung, Männerberatung, Informationsverbreitung, Entstigmatisierung, Schulprojekte)

  • und dass ihr jedes Jahr zu der Party One Billion Rising geht und feiert – fast überall auf der Welt am 14. Februar jedes Jahr wieder, in Wien z.B. vor dem Parlament!

Wir haben also ein Problem, ein großes Problem. Ein guter Grund es zu ändern ist Geld. Gewalt kostet wahnsinnig viel Geld. Frühpension, Psychotherapie, Krankenstand, medizinische Hilfe, Polizeieinsätze. Ich finde, dieses Geld wäre viel besser angelegt in Fußballstadien. Davon kann es doch nie genug geben! Oder mehr Geld für den Opernball? Eine Autobahn renovieren! Mir egal, aber es geht hier um wirklich hohe Kosten für den Staat und die Sozialversicherungen, die man einsparen kann.

Frauen und Autos

Jetzt stellt euch vor, jedes fünfte Auto würde in Österreich gestohlen und wir wüssten in 95% der Fälle, wer es gestohlen hat und dennoch würde nur jede zehnte bis fünfzehnte bestohlene Person eine Anzeige machen. Die anderen zehn oder mehr Personen würden sich nicht trauen, darüber zu sprechen. Von den wenigen angezeigten Autodieben hätte nur die Hälfte ein Verfahren, weil die Staatsanwaltschaften einen Mangel an Beweisen konstatieren würden und von denen bekämen dann 13% eine Strafe, Tendenz sinkend. Wenn man so ab morgen mit Autodieben umgehen würde, der Aufschrei wäre unvorstellbar. Die Regierung würde sofort Maßnahmen ergreifen.

Jeder Mensch ist mehr wert als ein Auto. Jede Frau ist mehr wert als ein Auto. Es ist eine Verschwendung von Lebendigkeit, eine fahrlässige Zerstörung von Freude, eine Potenialverschleuderung, derer wir uns als Gesellschaft verschulden. Es ist Gewalt. Vor allem ist es Gewalt gegen Frauen, und auch gegen Kinder und Männer. Wir werden es gemeinsam schaffen, diese Zustände zu verändern. Wir werden diese Lücke in der Demokratie kleiner machen, wir werden diese Lücke in der Demokratie stopfen. Danke euch dafür, jetzt schon!

(c) Helga Christina Pregesbauer

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