#hetoo? Worte, die in der Luft liegen. Über Unterschiede zwischen Vergewaltigung an Männer und Vergewaltigung an Frauen

Oktober 2017

#hetoo? Worte, die in der Luft liegen.

Über Unterschiede zwischen Vergewaltigung an Männer und Vergewaltigung an Frauen

[AUSDRÜCKLICHE TRIGGERWARNUNG FÜR MÄNNER DIE VERGEWALTIGT WORDEN SIND. Triggerwarnung Sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, drastische Ausdrucksweise, detailreiche Schilderung]

Der folgende Artikel ist eher kein Text für Personen, die sich bisher nicht oder wenig mit Sexualisierter Gewalt beschäftigt haben. Er behandelt sehr schwierige, emotionale und stärker tabubesetzte Themen als Diskurse über sexualisierte Gewalt ohnehin schon belastet.

Dieser Text lässt bewusst und absichtlich Sexualisierte Gewalt im Krieg sowie Sexualisierte Gewalt innerhalb von Gefängnissen gegen Inhaftierte ebenso aus wie die Auseinandersetzung mit allen Geschlechtern, die nicht Cis sind. Jedes einzelne dieser drei Aspekte braucht einen eigenen, ausführlichen Artikel und es ist mir wichtig, da nicht drüberzufahren, diese wichtigen Themen nicht in zwei drei Sätzen abzutun.

Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten und Würde geboren, sagen die Menschenrechte. Gewalt gegen alle Menschen, egal wie unterschiedlich sie sind, prinzipiell gleich schlimm ist. Dabei ist es völlig gleichgültig, welcher Nationalität, Altersgruppe, Geschlecht*, Status, Religion oder sexuellen Identität Betroffenen zugeordnet werden oder sich selbst zuordnen.

Dis Krimi nie

Es ist meist recht einfach, Diskriminierung und Keulen von ernsthaften Gesprächsversuchen zu unterscheiden:

Keine Diskriminierung war es meist, wenn man nachfragt oder Kritik an den Aussagen oder Handlungen übt kommt ein Nachfragen, eine Formulierung in Fragen, ein ehrliches Entschuldigen, eine Auseinandersetzung, ein Versuch zuerst einmal besser zu verstehen.

Diskriminierung war es, wenn die Person keift, zynisch wird, angreift, weitermacht, die kritisierte Behauptung wiederholt, widerspricht, behauptet sie würde „absichtlich missverstanden“, mit Polemik reagiert, sich gegen Angriffe wehrt die niemand gemacht hat („ich fand deine Aussage kränkend“ – „ja und jetzt kommt gleich die Faschismuskeule auch noch! Jetzt sagst du mir nur wieder dass ich ein Trottel bin!“), sich selbst als das wahre Opfer bezeichnet (wenn man sich da so sicher ist und die Behauptung nicht strategisch einsetzt, warum würde man das dann betonten?), die Sprechlautstärke steigert, sagt das sei doch nett gewesen, einen auf Erklärbar der Mansplaining macht, sich selbst die Interpretationsmacht allein zugesteht (das hast du falsch verstanden) weil nur sie definieren darf, was wie gemeint ist und bei Fällen pauschale Urteile macht, wo eine Einzelinterpretation notwendig ist. Beispielweise wenn behauptet wird, „alle Feministinnen“ wollten das Flirten verbieten und die armen Männer würden komplett beschnitten und Mann dürfte einer Frau ja nicht einmal mehr nachschauen.

Fakt ist, sexuelle Belästigung ist von Flirten klar zu unterscheiden. Fakt ist, sexualisierte Belästigung, Grapschen und Vergewaltigung nehmen nicht ab. Fakt ist, dass in Österreich jede 15. Frau nach einer Vergewaltigung eine Anzeige macht, 14 machen keine. Fakt ist, dass von 200 Vergewaltigungen eine von einem Gericht bestraft wird und 199 nicht, Tendenz sinken. Die Mehrheit der Strafen sind bedingt, d.h. Die Täter*innen die international zu über 95% männlich sind müssen nicht in Haft. Fakt ist das die Hälfte aller Frauen mit niemandem oder maximal einer Person im Leben über eine Vergewaltigung spricht. Dass „Männer“ oder auch sexualisierte Kriminalität begehende Männer in irgendetwas beschnitten (sic) oder beschränkt werden ist ein Irrtum. Vor allem ist es von einer Herzlosigkeit die sprachlos machen könnte.

Dass die Rechte von Frauen den Männern was wegnehmen tun, das hören wir seit Jahrhunderten. Dabei wird mehr oder weniger absichtlich davon abgelenkt, dass es nicht um „die Männer“ geht, sondern um „die Sexualkriminellen“ und das sind zwei verschiedene Gruppen.

Bei der Debatte um den Hashtag #metoo kam mir sofort das Gruseln. In der Hälfte der Diskussionen ging es darum, dass man Männer nicht so pauschal diffamieren dürfe (es wurde überhaupt niemand diffamiert, es sprachen Frauen über ihre Gewalterfahrungen) und dass Männer doch eh auch genauso betroffen seien.

Es wurde binnen weniger Stunden der Text von Frauen auf Männer ausgeweitet und der Text unweiblich formuliert. Geschlechter wurden offiziell nicht aufgenommen, sondern nur der Mann. Die Frau kam raus, der Mann rein, aber sonst niemand. Es ging darum, den Mann hinein zu reklamieren, nicht etwa trans-, inter- oder ageschlechtliche Personen. Mir gruselte, weil sich alle Diskussionen darum drehten, ob und wie man den Mann diskutieren müsse. Und das, meine liebe, legt den Status Quo klar: Allein von Vergewaltigung an Frauen zu sprechen gilt vielen immer noch als nicht legitime Attacke auf Männer, auf alle Männer. Dass sie selbst damit eigentlich die Männer anpatzen liegt eigentlich auf der Hand. Denn sonst würden sie ja von Männlichkeitskonzepten reden. Aber nur sehr wenige diskutieren überhaupt im Kontext von #metoo Männlichkeit als möglicherweise problematisch. Und das ist sie – für Männer und für Frauen.

Ein Schritt zurück in meiner Geschichte

Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen alle Frauen. Gewalt gegen Frauen ist zentraler Teil unserer Diskriminierung. Es richtet uns zu, es erzieht uns. Und das funktioniert sehr subtil. Wir trennen uns nicht von Männern, die nicht putzen, weil „er mir sonst davonrennt und ich keinen mehr finde.“ Mit Verlaub, das hat mit Gewalt gegen mich und mein Geschlecht verdammt noch mal sehr viel zu tun!! Zwei Rufzeichen.

Stufe eins. Ich war früh Vegetarierin.

Dutzende Verwandten und noch hunderte andere Leute sagten, als festgestellt war, dass ich keinem Mann sein Schnitzel paniere: DU WIRST NIE EINEN MANN FINDEN. Als dann fest stand, dass mich das nicht zum panieren und Schnitzel klopfen bringen würde, galt ich als rettungsloser Fall.

Suchen Männer Liebe oder eine bequeme Serviceeinrichtung?

Ob ich einen Mann SUCHE spielte gar keine Rolle. Eine Frau die nicht als Hausfrau taugt ist beschädigt. Ich galt als beschädigt. Ich brachte die Grundvoraussetzungen nicht mit für eine Beziehung. So dachten zumindest die Menschen um mich. Meine Wünsche und Bedürfnisse wurden gar nicht erst erhoben.

Stufe zwei: Wenn du mal richtig verliebt bist, dann…. Du wirst schon noch den finden, der dich bricht.

Ich antwortete ihm: Willst du eine gebrochene?

Muss ICH (mein ICH, mein Selbst) gebrochen sein, damit er eine kriegt, die keinen Schaden hat? Nein, das ICH einer Frau muss nur sich anschmiegen an ihn und alle Lästigkeiten von ihm fern halten.

Zu fragen, ob er eine gebrochene will, das galt natürlich als übergriffig von mir. Mich zu brechen war der natürliche Vorgang. Während die Dauerschallplatte, dass ich beziehungsmäßig unvermittelbar sei (lange Defizitliste inklusive) als eine wertvolle Information und als Geschenk an mich, als Hilfe für mich und meine Probleme angesehen wurde. Ob ich selbst ein Problem hatte, war irrelevant.

Stufe drei: Ich war die, mit der es schwer zu leben war, weil ich ja nicht vernünftig koche. ER kochte natürlich nie. Das war nicht schwer zu leben. Das war natürlich. Er, der nie kochte, gar nichts kochte, keinen Putzefinger bewegte, ER war fein raus.

Jetzt werden eine paar großbürgerliche Bobofrauen sagen, na ist doch lang vorbei, das stirbt von selbst aus. Tut es nicht, und ihr lebt in einer sehr kleinen sozialen Blase. Ich habe mich nie auf meine Blase beschränkt, wollte wissen was vor sich geht, habe hingeschaut, habe mich umgehört.

All diese Geschichten, die es fast überall auf der Welt gibt, in schärferen Versionen in Russland wo Schläge als Liebesbeweis gelten, in Afghanistan wo Frauen nicht allein vor die Tür dürfen, all diese Geschichten prägen und erziehen uns Frauen. Sie haben einen Zweck, es sind keine Witze, selbst dort nicht wo die Sprecher*innen es für Witze halten möchten.

unsichtbar verunsichernd

Vergewaltigung und Geschlecht ist ein Spaziergang über glühende Kohle. Jede Gewalttat gegen Männer ist genauso schlimm wie die selbe Tat gegen Frauen schlimm ist. Aber Frauen und Männer leben unterschiedliche Leben. Vieles davon sieht man sofort, wie Kleidung, wer hat den Kochlöffel in der Hand, wer ist am Elternsprechtag, wer lenkt den PKW. Anderes sieht man nicht. Warum ist alles wie es ist?

Weil unsere Gesellschaft das so tut, weil wir das so leben, weil wir Menschen in unserer Kultur so handeln. Wie das Leben von Menschen auch immer ist, es beruht auf vielen Handlung von vielen Menschen. Es wäre sehr wichtig, dass Menschen die bezüglich Gewalt gegen Frauen etwas zu ändern wünschen ganz klar verstehen, was diese Unterschiede sind, wie sie die Geschlechter betreffen, denn nur so wird eine Veränderung machbar. Nur so können wir Vergewaltigung reduzieren.

Frauen hat niemand den Krieg erklärt, und dennoch ist Gewalt gegen sie Alltag. Diese Gewalt ist ganz anders als die gegen Männer. Meist werden die Taten von Männer begangen.

Männer kommen nach Hause um sich zu erholen. Für viele Frauen ist Daheim kein Erholungsort. Ich meine hier nicht die Hausarbeit, die Kinder, die Pflege, den Einkauf, der Schönheitswahn, dem wir unsere Körper opfern sollen. Für viele Frauen ist die Straße kein Erholungsort. Nicht nur weil 100% der Frauen sexuell belästigt werden, nicht nur weil jede dritte Frau Gewalt und in Österreich jede fünfte schwere Formen von sexualisierter Gewalt erleidet, sondern weil diese Drohung in der Luft liegt und die Worte der Menschen legen diese Drohung dort in Dauerschleife ab.

Wir Frauen lernen von ganz klein auf, dass uns Gewalt droht. Viele erleben sie auch. Männer lernen das nicht. Männer lernen außerdem, das Zurückhauen eine Option ist. Zurückhauen und Schreien, um Hilfe schreien, wird Frauen systematisch aberzogen. Mädel, sei ruhig, stör nicht, sei brav, das ist nur für Buben. Wir Frauen lernen seit Jahrhunderten, dass wir selbst schuld sind wenn wir vergewaltigt werden und nur wenn wir etwas falsch machen uns überhaupt was passiert.

Wie viele Männer kennt ihr, die mit schwerem Burnout-Syndrom und Arbeitsunfähigkeit ihren Job gekündigt haben, weil sie massiv Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren haben? Keinen. Frauen kenne ich mehrere. Fast jede zweite Frau erleidet sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Männer werden kaum sexuell belästigt und selten systematisch dauerhaft. Für viele Kellnerinnen ist dass ihnen Männer zwischen die Füße an die Vagina und sonst wohin greifen normaler täglicher Arbeitsalltag. Kennt ihr einen einzigen Kellner, dem täglich jemand an den Penis greift? Seit ein paar Tagen weiß die Welt durch die Medien wegen #hetoo dass auch Spitzenpolitikerinnen und Topmanagerinnen Sexuelle Belästigung erleiden und vergewaltigt werden. Frauen die die Studien dazu lasen wie Frauen unterhalb der Gläsernen Decke in unter qualifizierten Jobs gehalten wurden wissen es längst. Es gibt keinen Schutz für Frauen. Kein Status, kein materieller Reichtum, keine Hässlichkeit schützt uns Frauen.

Wie viele Männer kennt ihr, die in der Ehe von ihrer Frau misshandelt und vergewaltigt wurden? Weniger als ihr solche Frauen in eurer eigenen Familie habt. Ich kenne einen – nach 20 Jahren Recherche. Ich kenne drei Fälle, in denen erwachsene Männer vergewaltigt wurden, einen davon aus den Medien. In zwei von drei Fällen waren die Täter Männer. Und ja, es gibt Männer die vergewaltigt wurden. Aber statistisch ist das mit dem was Frauen passiert zu vergleichen falsch. Vergewaltigung und sexualisierte Belästigung wie Ausgreifen, Grapschen und verbale sexualisierte Gewalt passiert erwachsenen Männern kaum bis sehr selten. Es passiert nur Frauen systematisch, es ist nicht Teil unsere Verhaltens als Menschen gegenüber Männern. Vor allem aber werden Männer nicht dazu abgerichtet, sich dafür bzw. dagegen zu rüsten, Männer gelten nicht als selbst schuld und nicht automatisch als Co-verantwortlich. Medienberichte über männliche Kinder die Sexualisierte Gewalt erlitten sind mit denen über Frauen nicht zu vergleichen. Sie sind meistens seriös und mitfühlend. Berichte über Frauen sind normalerweise gruselig, suggerieren es habe sich um Sex gehandelt und haben meistens Mitgefühl für den Täter. Seine ruinierte Karriere. Seine Ehe geschieden. Sein Job verloren. Er bemüht sich ja jetzt eh. Sie? Mini! Bsoffen! Eh a Hur´! Gruselig, gruselig. Ich hab diese Medienberichte über fast 20 Jahre beobachtet, ich weiß wovon ich rede. Die Hälfte der Vergewaltigungsopfer die ich besser kenne liest prinzipiell keine Medienprodukte mehr weil sie es nicht ertragen, die einschlägigen Berichte. Wehe, wir würden Medienberichte so schreiben, dass ein Rollstuhlfahrer deswegen Selbstmord begeht oder es versucht. Die Tage solcher Journalist*innen wären gezählt. Mit vergewaltigten Frauen war es lange kein Problem. Aber das Eis bricht, und das ist gut so. Aber noch gibt es genug des Eises, genug der frostigen Medienberichte, in denen Vergewaltigungsopfer beleidigt, diffamiert und herabgesetzt werden, in denen die Täter als Opfer beschrieben werden und die Opfer als blöde geldgierige verlogene Schlampen.

Sexismus und Beleidigung oder Belehrung von Frauen die vergewaltigt wurden ist normaler Teil unseres menschlichen Verhaltens gegenüber Frauen. Frauen sitzen nicht zusammen und machen Witze über Männer, schon gar keine darüber, wie sie irgendeinen ausgegriffen haben. Wir Frauen würden solche Frauen sowieso meistens ablehnen. Wir würden finden das ist gestört und solchen Frauen das sagen. Wir würden Kritik üben. Vielleicht ist das der einzige Grund, warum Frauen relativ selten vergewaltigen und sexuell belästigen: Weil unsrer Umfeld uns dafür sofort und hart kritisieren wird! Und das ist gut so. Wenn uns Frauen eine Frau erzählen würde, sie habe einen Mann der halb ohnmächtig vor Rausch war, der nicht mehr vernünftig reden konnte zum Geschlechtsakt benützt, würden wir Frauen das sehr schlimm, abstoßend finden, wir würden das kommunizieren und die Tat beklemmend finden. Vielleicht würden wir den Mann darauf sorgsam ansprechen. Wir Frauen würden wenn eine Geschlechtsgenossin die derlei erzählt kritisieren. Männer erhöhen mit den gleichen Geschichten ihren Status. Das System wackelt, aber wie viele der Weinsteins, Cosbys, Groers sitzen im Gefängnis? Keiner. Das System ist da und dort wackelig, aber noch nicht gebrochen. Es wackelt, weil tausende Feministinnen weltweit es zum wackeln gebracht haben. Es wackelt nirgendwo, weil Religionsvereine, Politiker, Regierungen sich von selbst angestrengt hätten, um Frauenrechte durchzusetzen. Wo Politik etwas verändert hat, haben Zivilist*innen wie du viele viele kleine Schritte gesetzt und den Politiker*innen entweder massiv Dampf im Arsch gemacht oder ihnen lange und proaktiv den Rücken gestärkt. Und das heißt wir müssen weiterhin kämpfen und arbeiten. Lästig sein, sagte die Dohnal.

Für Frauen sind Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt etwas, das Frauen eben passiert und droht, das ist ganz einfach so, das liegt in der Luft, die wir atmen. Erwachsene Männer sind vor Vergewaltigung ziemlich sicher. Die Dressur dazu, die wir Frauen bekommen bis wir in die Kiste hüpfen kennen sie nicht. Und das ist ein massiver Unterschied.

Ich möchte ein Auto sein

Ein Fünftel aller österreichischen Frauen erleidet Vergewaltigung und die Täter*innen sind nach den aller freundlichsten Schätzungen mindestens in neun von zehn Fällen aus ihrem allerengsten Lebensumfeld: Papa, Bruder, Stiefvater, Ehemann, Exmann, Freund, Exfreund. Anzeigen tut in Österreich jede 15. Frau.

Stell dir vor, in Österreich würde jedes fünfte Auto gestohlen, in 90 von hundert Fällen wären die Dieb*innen namentlich bekannt, und nur in sechs von 100 Fällen würde sich die Person der das Auto gestohlen wurde an die Polizei wenden, weil sie Angst davor hat jemand würde merken, was ihr passiert ist.

Liebe Leser*innen, ich wünsche mir dass Frauen so geschützt werden wie unsere Autos. Mir wäre das unglaublich wichtig. Und es ist erreichbar. Tropfen für Tropfen, Kiesel für Kiesel, Schritt für Schritt. Und dazu müssen viel mehr Menschen verstehen, was die Unterschiede zwischen Sexualisierter Gewalt gegen Frauen und der gegen Männer ist.

Wenn ein Mann Vergewaltigung oder sexualisierte Gewalt erlitten hat, dann fast immer als Kind. Ja, männliche Kinder werden vergewaltigt und sexualisiert belästigt. Ja, hin und wieder auch ein erwachsener Mann. Aber Männer leben nicht in einem Überbau, in dem Gewalt gegen sie wegen ihres Geschlechts alltäglich ist, als normales Verhalten gilt und diese Gewalt dazu dient, sie als Männer weil sie Männer sind klein, machtlos, ohne Selbstbewusstsein, ohnmächtig, wehrlos und finanziell geringer gestellt zu halten. (Diese Liste ist unvollständig). Dazu dient aber Gewalt an Frauen. Und ich sitze hier mit Tränen in den Augen und der mir die Brust drückende Sorge, einer der Männer die ich kenne, die vergewaltigt wurden könnte sich an meinen Worten stoßen und missverstanden oder übergangen fühlen und verletzt sein, verletzt egal wie gering oder umfassend. Seid jedenfalls gewiss, ihr Männer: Ich bin mir eurer Last bewusst. Ich denke euch und eure Leiden mit. Ich vergesse euch nicht, versprochen.

Ich wüsste aber gern ob eine von den Frauen, die sofort „Männer sind auch!!“ bis hierher gelesen hat, ob sie überdenkt was ich sage, ob sie es verstehen oder es zumindest versuchen, ob sie sich eine Sekunde überlegt hat wie sich ihre harten Worte auf die Frauen auswirken, die von zwölf Euro die Woche eine achtköpfige Familie ernähren hätten sollen. Die gestohlen haben um keine Schläge zu bekommen. Denen von den Prügeln die Haut geplatzt ist, die aus dem Hundenapf essen mussten, die Monatelang daheim eingesperrt wurden. Habt ihr euch überlegt wie sich die fühlen bei euren Worten? Habt ihr nicht und auch jetzt fällt es euch noch schwer. Und damit stehlt ihr euch selbst eine Quelle von wichtigem Wissen, von Frauenkraft und Stärke.

Wer tut und wer nichts

Gewalt gegen Frauen hat eine Struktur und Auswirkungen, die sexualisierte Gewalt gegen Männer nicht hat und auch in Zukunft nicht einnehmen wird.

Ich möchte das noch genauer beschreiben. Es gibt einen Trick für Gender Mainstreaming Trainings in Gruppen, wo die Kursleitung Widerstand gegen die Inhalte erwartet. Stellen sie sich die Philosophieabsolventin vor, die einen AMS-Gender-Kurs für Installateure halten muss. Bilde gemischtgeschlechtliche Gruppen und trage den Gruppenmitgliedern auf zu erzählen, was sie selbst dagegen tun, dass sie nicht vergewaltigt werden. Erwachsene Männer tun nichts, haben dazu nichts zu erzählen und haben darüber noch nie einen Gedanken verschwendet.

Frauen reden bei dieser Aufgabe monologisch eine halbe Stunde: Kleidung danach ausrichten. Kosmetik und Frisur ändern, Straßenseite wechseln. Sitzplatz wechseln, wegschauen, das Lokal verlassen, nicht auf die Toilette gehen. Taxi nehmen statt zu Fuß gehen. Davonlaufen. Zuhause bleiben. Das Leben von Frauen ist in sehr vielen Bereichen davon bestimmt, dass es Sexualisierte Gewalt gegen Frauen gibt und es ihre eigene Aufgabe ist, viele Bereiche und Aktivitäten zu meiden. Die Angst als Grundstimmung wird uns antrainiert. Männer und ihren Alltag bestimmt all das nicht.

Was mir an dieser Übung so gut gefällt, ist das der allergrößte Macho nach dieser Übung mal eine Zeit lang in Stille versinkt. Denn selbst der allergrößte Macho findet Vergewaltigung scheiße und ist den meisten Fällen bereit etwas dagegen zu tun. Das schreibe ich hier nicht so ausgedacht hin, das weiß ich weil ich beruflich sehr viel mit allergrößten Machos zu tun hatte und viele sehr gut kenne und einige echt, echt mag. Es gibt eine große Bereitschaft bei Männern – Macho oder nicht – etwas gegen Vergewaltigung zu tun, die wissen nur noch nicht so genau was. Ja was? Das: Nicht grapschen und nicht vergewaltigten. Nur Sex mit Menschen haben wo du sicher bist dass sie sich jetzt Sex mit dir wünschen. Bei Gewalt Hinschauen statt Wegschauen. Frauenwitzen widersprechen, Gleichberechtigung leben. Eventuell Polizei rufen. Eventuell dazwischen gehen, wenn Gewalt passiert. Betroffenen Hilfe anbieten – haargenau die Hilfe, die sie selbst wünschen, nicht die Hilfe die du glaubst dass sie jetzt sicher brauchen. Verletzlichkeit zeigen. Ermöglichen, dass Männer Verletzlichkeit zeigen. So einfach ist das für den Anfang! Wenn das 10% der Männer leben, dann hätten wir vielleicht 50% weniger Vergewaltigungen. Mann, da könnte Mann ein Pionier sein!! Vielleicht hätten wir dann auch nur eine Vergewaltigung weniger. Das würde sich aber auszahlen, wenn mich wer fragt. Ich würde aber beide meiner Hand in jedes Feuer legen, dass es mehr sind als nur eine. Und jede einzelne zählt.

Eigentlich wollte ich ihnen erklären, warum Vergewaltigungen von Männern anders sind als von Frauen, oder? Nein. Falsch. Ich wünsche mir dass Sie, lieber Leser*innen, verstehen, warum Frauen in einer anderen Welt leben als Männer, was Vergewaltigung angeht.

Frauen werden dazu erzogen, sich gefälligst nicht vergewaltigen zu lassen, weil die Trutschen noch eh selbst schuld ist. Wieso war sie überhaupt dort und was hat sie angehabt und warum hat sich die Depate denn schon wieder so einen genommen und wie kann sie auch nur so blöd sein den zu heiraten? Aussage gegen Aussage. Es hat ihr doch eh taugt, der Schlampen. Sätze, die wir alle kennen. Sätze, denen zu selten widersprochen wird. Empörung ist leichter für uns als Mitgefühl. Es macht aber alles schwer für die, welche Gewalt erlebt haben. Wenn sie schuld ist dann ist er erleichtert und sie trägt schwerer.

Es ist nicht nur statistisch die Schieflage zu Lasten von Frauen, sondern auch die Erziehung. Männern sagt niemand, paßauf, dass dich niemand vergewaltigt oder belästigt. Männer sind frei zu gehen und zu tanzen wo sie wollen mit den Kleidern die sie wollen und sie wechseln keine Straßenseite. Ihnen sagt niemand, ja warum hast du dir die depate Kuh auch geheiratet?? Er ist meist der arme, das klare Opfer der blöden Frau.

Und dann gibt es noch eine ganz andere Dimension, die Jackson Katz einem TedX-Talk gut auf den Punkt gebracht hat. Wie wissen dass jede dritte Frau auf der Erde vergewaltigt wird. Wir haben keine Ahnung wie viele Männer vergewaltigten.

Männern sagt fast niemand: Vergewaltigt nicht! Vor allem sagen sie es sich nicht gegenseitig. Männer die vergewaltigt haben empören in ihrem sozialen Nahfeld kaum. Es gilt als Aufgabe der Frau sich zu schützen und als Job des Mannes, ein guter potenter Ficker zu sein.

Ja, Männer werden auch begrapscht. Einmal im Leben? Zweimal? (Ich kenne Frauen, die werden jede Woche, fast jeden Tag belästigt und begrapscht. Es gibt Lokale, in denen das dazugehört.) Es ändert aber das Leben von Männern nicht. Wie oft gehen Frauen früher nachhause, weil sie wer ausgreift? Männer tun das nicht. Sie müssen nicht. Dieses hübsche Wort ausgreifen, diese hübsche Wort Missbrauch, das wir so oft hören. Als wären es Bräuche, mit Strohkranz und Blumenbinden, als wäre es ein Greifen ein Brauchen ein Bedürfnis. So ein Wort macht es einfach. Und dieses wieso war sie da überhaupt hat´s an Mini anghabt wie blöd war das denn wieso hat sie ihm nicht gleich beim ersten Mal geh nie mit Fremden mit weil sonst ist die Zurichtung der Frauen, die uns immer und überall begleitet. Noch begleitet.

Ratschläge die Schläge sind

Erwachsene Männer die nicht als Kinder vergewaltigt worden sind richten ihr Leben nicht danach aus, sich schützen zu müssen. Ich konnte kaum gehen, da wurde mir schon eingetrichtert, nur ja auf gar keinen Fall mit fremden Männer mitzugehen, von Fremden niemals Süßigkeiten anzunehmen, schon gar nicht wenn diese Zuckerl blau sind oder komische Farben haben (M&M´s waren längst erfunden) dies und jenes und das noch nicht zu tun. Geholfen hat mir das gar nichts. Die Tipps die wir Frauen bekommen, mit denen wir uns schützen sollen, sind nämlich zu allem Überfluss auch noch verdammt nochmal kontraproduktiv. Der Schutz ist sinnlos, was Gewalt gegen uns angeht. Aber wir werden zu Keuschheit, Demut, Monogamie und Tugendhaftigkeit erzogen – nach Maßstäben der Moral des 18. Jahrhunderts. So. Und dann schadet uns diese Scheiße auch noch! Denn die Männer die uns „schützen“ sollen sind die Täter, daheim ist es für Frauen am gefährlichsten. Jaja, die Frauen wehren sich ja nicht, dann hat´s ihnen gefallen. Ach ja? Als ich einmal einen einschlägigen Typen verdroschen habe, war ich zusätzlich dazu auch noch für alle die Blöde. Für alle. Ich. Die Blöde. Er bekam das Mitgefühl. Mit ihm war man solidarisch. Ich hatte die Probleme. Ganz schön ordentliche Probleme übrigens. Und dass ich mich gewehrt hatte war der Beweis, dass es eh reicht, er bestraft genug sei. Sich zu wehren ist zwar von Frauen allseits gefordert, doch ist es keine gute Lösung in der patriarchalen Rechnung. Normalerweise macht Gegenwehr Sexualverbrecher übrigens noch aggressiver, steigert die Gewalt, die Dauer, die Brutalität. Das weiß die Täterforschung seit Jahrzehnten.

Heißt es nicht immer die Frauen wehren sich nicht? Richtig. Es verbessert beinahe nichts, wenn wir uns wehren. Wir sind immer die Blöden, egal was wir tun. Das ist das System. Es ist für Frauen fast unmöglich im akuten Fall von sexualisierter Gewalt das richtige Verhalten zu wählen. Und das mit Verlaub in einer meist schwer traumatisierten Situation, welche die meisten Frauen als lebensbedrohlich empfunden haben. Es ist schwer richtig und sinnvoll zu handeln, wirklich schwer.

Jüngst fuhr ich, die ich mich ja für die obergescheit halte was Gewalt gegen Frauen angeht halte, in der U-Bahn und der seit Wochen ungewaschene Typ neben mir griff der Frau ihm gegenüber drei viermal aufs Knie. Es war unübersehbar. Ich saß da wie die Töchter Lots (die Salzsäulen wurden) und hätte nicht mal ein Nudelwasser aufpeppeln können in meinem Zustand. Kein Gedanke kam mir, was ich tun hätte können. Die Dame stand beizeiten auf und ging. Ich saß da und kam mir vor wie der größte Trottel auf Erden. Dabei habe ich derlei schon oft erlebt und oft auch klug gehandelt. Diesmal nicht. Erst als ich dann im Cafehaus saß und einen Spritzer intus hatte, war ich wieder auf Plan: Die Frau ansprechen, sie fragen ob sie etwas braucht. Oida, mein Hirn war blank. Ich war aber nicht traumatisiert, nicht mal betroffen, ich war einfach baff und unfähig. Frauen* die sich bei einer vaginaler Penetration gegen ihren Willen wiederfinden sind nicht in der Lage „das beste draus zu machen“ oder „das richtige zu tun“. Und wir alle kennen Situationen wo wir baff, blöd, hirnblank und bissl schockiert sind. Wir würden von beraubten Bankbeamt*innen, verprügelten Tankstellenkassierer*innen, ausgeraubten Tourist*innen oder Leuten denen wer vor der Nase das Auto stiehlt niemals heldenhaftes korrektes Verhalten verlangen. Weil eh jeder Depp weiß dass im Schock alles anders ist. Nur wenn es um Gewalt gegen Frauen geht setzt der Gesellschaft das Hirn aus und wir verlangen von Betroffenen was wir bei keinem anderen Verbrechen zu fordern wagen. Weil wir diese Sätze ständig hören. Mini, wieso dort, war´s bsoffen, wieso den gnommen, so spät unterwegs, Drogen gnommen, sowieso a Hur, den nur wegen dem Geld genommen und sich dann gwundert. Wir lernen, dass die Frauen schuld sind. Die Verantwortung der Täter*innen spricht niemand an. Die Verantwortung der Männer spricht niemand an. Die Verantwortung der Frauenwitzerzähler spricht niemand an. Die Verantwortung einer patriarchalen Gesellschaft spricht niemand an. Die Verantwortung der Wegschauenden spricht niemand an. Die Verantwortung einer Justiz die Vergewaltigung beinahe straffrei hält spricht niemand an. Das Ungleichgewicht ist desaströs. Und all das wirkt.

Wir lernen, dass die Frauen schuld sind und mich kotzt das an jeden Tag. Jeden einzelnen Tag. Und ich habe das früher genauso geglaubt wie die meisten Menschen. Ich weiß es heute besser. Es ist möglich, diese Information weiterzugeben, zu verbreiten, es ist möglich die Weinsteins und Cosbys und das System dahinter zum Wackeln zu bringen. Und ich bitte euch alle das zu tun.

Täter*innen müssen Verantwortung bekommen und nehmen. Verbrechensopfer müssen umsorgt werden, getröstet werden, ihre Recht bekommen. Egal welches der vielen wunderbaren existierenden Geschlechter sie haben.

Die Rolle von Männern als Täter wird aktiv beschwiegen. Männern schafft niemand etwas an, die fordert niemand zu irgendwas auf, dabei gäbe es viele gute Ideen! Hast du mal einen Haberer beim Grapschen erlebt? Hashtag #zugeschaut ! Hast du selbst gegrapscht? Hashtag #metooclose vielleicht? Hast du vergewaltigt? #irapedmyfriend ! Eine ohnmächtige Besoffene penetriert? Hast du sie auch besoffen gemacht vorher, absichtlich? Da wäre dann der Telefonjoker angebracht: Ruf einfach umgehend 133 und frag genau nach, wie das wirklich war und in welche Kategorie du gehörst.

Es ist nicht wahr, dass Männer „auch“ vergewaltigt werden und „genauso“ betroffen sind. Es ist etwas ganz anderes, und sie landen als vergewaltigte Person nicht in den gleichen Umständen. Sie wurde nicht vorher ihr Leben lang dazu dressiert, sich schuldig zu fühlen dafür. Sie werden bei Gericht sehr oft völlig anders behandelt.

Diskriminierung gefällig, gefällt, gefälligst

Die Gewalt gegen Männer inklusive der sexualisierte Gewalt hat andere Formen, Ursachen, Motive und Strukturen. Vor allem ist es keine Gewalt gegen das Geschlecht wegen ihres Geschlechts. Sexualisierte Gewalt gegen Männer ist keine Gewalt gegen Männer aus dem Grund dass sie Männer sind und ihr Geschlecht klein gehalten werden muss. Wer den Unterschied nicht erkennt ist möglicherweise ein Volltrottel. Möglicherweise ist er aber einfach nur in einem Patriarchat aufgewachsen und dort passiert folgendes: Diskriminierung passiert immer so, dass sie nur funktioniert, weil die Personen die Diskriminierung tun und die Personen die von der Diskriminierung profitieren (Menschen die die Privilegien haben) diese Diskriminierung nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen, nicht kennen, wenig bis nichts darüber wissen. Die Privilegien durch die Diskriminierung der Frau haben die Männer. Deswegen glauben jetzt ganz viele Männer und auch ganz viele Frauen, die die Diskriminierung nicht sehen wollen, dass Männern das auch passiert. Und ja, klar, Männer werden vergewaltigt, als Kinder, erwachsene Männer seltener als jemand im Lotto gewinnt. Und das ganze drumherum ist völlig anders.

Ich werde nie vergessen als ich das erste Mal die Berichte über die Gründungen der ersten Frauenhäuser las: Intelligente Männer sagten „aber bitte sowas gibt’s doch hier bei uns nicht! Und wenn dann nur einmal in einer Million.“ Zuerst dachte ich die lügen. Aber die logen nicht. Die glaubten das wirklich. Ich war bis ganz tief drinnen von den Socken. Ich dachte, wie kann man nur sooooo depat sein? Aber die sind nicht dumm. Die glauben genau das, was wir alle die ganze Zeit hören. Heute gibt es schon ganz andere, gute, sinnvolle, brauchbare Information, die auf Gewalt gegen Frauen hinweist und trotzdem glauben ganz viele immer noch den selben Scheißdreck wie die meisten in den 70er Jahren. Damals gab es all diese Informationen kaum. Ich habe als Kind geglaubt, dass man Sexarbeiter*innen nicht vergewaltigen kann und dass es eine Lüge sein muss, dass jede vierte Frau auf der Welt vergewaltigt wird. Ich habe das echt für eine Lüge gehalten. Ich muss leider sagen: ich habe es nicht besser gewusst! Dafür leben wir Menschen länger, auf das wir ein bisserl gescheiter werden.

Ja, Frauen sind auch Täterinnen. Frauen begehen sexualisierte Verbrechen. Es ist möglich, einen Mann zu einer Penetration zu zwingen. Die Dimensionen sind andere. Es kursieren dazu unterschiedliche Zahlen, es gibt aber keine seriösen, wissenschaftlichen Belege, dass mehr als fünf bis zehn Prozent der Menschen die Sexualisierte Gewalt begehen Frauen sind, die meisten Zahlen sind deutlich geringer. Frauen wird Aggression aberzogen und Gewalt nicht sozial zugestanden. Und die Art und Weise ist anders, die Gewaltanwendung deutlich weniger brutal. Frauen begehen Sexualisierte Gewalt meist ohne Psychoterror, sie passieren meist über eine kurze Zeitspanne, es gibt ein oder wenige Opfer. Schwere Sexualisierte Gewalt von Frauen ausgeführt ist selten und jeder einzelne Fall ist zuviel. Bei den männlichen Tätern von Sexualdelikten ist häufigste Täterprofil: Mehrere Opfer, vaginale und andere Formen von Penetration erzwungen, brutal, gewaltvoll, Psychoterror, Drohungen.

Jetzt hat er geheiratet. Und die kriegt´s wieder!“, sagte eine Mutter über ihren gewalttätigen Ex-Schwiegersohn zu mir. Wir wissen besser als uns klar ist, wie die Dynamiken sind. Es war nie ein Geheimnis, was passiert. Es ist kein Fachwissen.

Die meisten männlichen Sexualverbrecher sind Vielfachtäter, üben nicht nur sexualisierte sondern mehrere Formen von Gewalt aus (u.a. verbale, psychische, die Freiheit beraubende, körperliche Gewalt), dauern über Jahre und Jahrzehnte. Frau Fritzl und Kampusch waren in Kellern mit dicken Türen. Wie viele Frauen trauen sich gar nicht hinaus aus ihren Küchen, aus ihren Wohnungen? Jede Frau ist eine zuviel. Jede Frau und jeder Mann, jeder Mensch* ist mehr wert als Gewaltopfer sein zu müssen. Wenn wir als Gemeinschaft Menschen versorgen, die sich den Fuß brechen, dann ist es auch unsere absolute verdammte Pflicht, Menschen die Gewalt scheissegal welcher Form erleiden, zu versorgen, zu schützen, ihnen zu helfen und ihnen bei der Heilung ihrer psychischen und psychischen Wunden Unterstützung zukommen zu lassen. Wir sagen Leuten Himmel Arsch und Zwirn nochmal auf welchen zwei Metern sie über die gestreift bemalte Straße gehen müssen, wir sagen ihnen jetzt eben auch, das Sexualverbrechen schwere Verbrechen sind. Wenn die Kirche uns sagen darf, mit wem wir wann Sex haben sollen oder nicht dürfen, und was wir in der Schule über Sex lernen dürfen, dann wird es wohl legitim sein, das Recht auf sexuelle Integrität durchzusetzen für alle Menschen und Vergewaltigung und Sexualisierte Belästigung zu beenden und zu kritisieren.

Die Bereitschaft von männlichen Betroffenen anzuzeigen ist sehr viel höher, mindestens doppelt so hoch. Der Umgang der Justiz mit männlichen Opfern ist von einer völlig anderen Qualität. Ein Mann bekamen in Österreich 150000 Euro Schmerzensgeld, weibliche bekommen manchmal 1000 Euro Schmerzensgeld, Summen über 10.000 Euro sind mir nicht bekannt bei Frauen.

Wenn man die Anzahl der einzelnen Delikte zählt anstatt der einzelnen Täter*innen, kommt man nicht auf ein Prozent weibliche Täter*innen. DAS ist nicht weil Frauen so toll sind und Männer so gaga, das ist weil wir alle so erzogen werden. Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem Mann, meinte Männer hätten wenn sie in Österreich aufwachsen zwei Möglichkeiten auf Probleme zu reagieren: Mit 1. Gewalt und Aggression oder 2. mit Kaufen, mit Geld. Der liebe Freund rief „Drittens Saufen!!“ Womit er uneingeschränkt Recht hat. Wir sollten die Möglichkeiten wie Männer zwischenmenschliche Krisen meistern ausweiten.

Männliche Macht

Es ist nicht eine Schwäche der Männer, zu vergewaltigen, es ist eine Stärke. Es zeigt ihre Macht. Noch. Wie lange noch? Und das meiste von dem was wir reden, lesen, sehen, im Fernsehen sehen, im Kino anschauen unterstützt die Männer dabei. In unserer Luft liegen die Geschichten vom Mini, dass sie bsoffen war, dass sie sicher irgendwas falsch gemacht hat. Und wir fangen sie ständig auf, nehmen sie auf, sie gehen uns unter die Haut, sie nähren unsere Gedanken und füttern unseren Glauben. Sie prägen uns und deswegen glauben wir, dass wir halt doch a bissal schuld sind, wir Weiber, wenn….

Wo sind die Geschichten vom Vergewaltiger, vom Mann von nebenan, der prügelt, vergewaltigt? Da sind sie. Oh mein Gott, haha, der wollte mich dann vergewaltigten haha, aber die anderen sind zufällig nachgekommen und haben ihn von mir runtergezogen hahah, war lustig hahaha. Also wieso haben die Trutschen den Cosby/Jackson/Weinstein nicht schon vor 30 Jahren angezeigt, das glaubt doch heute niemand mehr? Der vergewaltigende Mann als Opfer. Vierzig Frauen bei Cosby, von denen die meisten schon vor Jahrzehnten angezeigt haben, glauben selbst Frauen immer noch weniger als dem Täter. Der Mann, dem was passiert weil er besoffen ist hahaha hattanedsogmeint haha. Wenn ich besoffen ein fremdes Auto kaputt fahre, dann hätte ich nicht soviel saufen müssen und hab ein Strafverfahren. Wenn ein er besoffen eine Frau kaputtvergewaltigt, haha, war er haha halt besoffen und wollte das gar nicht haha. Spielt bei kaputten Autos eine Rolle, ob ich es wollte?

Die Geschichten über die Männer als Vergewaltiger. Wir lernen, dass sie unerwünschte Berichte sind. Wir Frauen lernen zu schweigen. Sie liegen nicht in der Luft, sie liegen in der Schublade. Wir hören sie nicht, obwohl sie oft erzählt werden. Wenn sie erzählt werden wollen, legen wir das Vergrößerungsglas auf die Opfer und einen Sündenbock. Wir wollen die Fritzlgeschichte, weil die so arg ist, dass sie uns nicht nahe geht, weil der Prikopil halt so arg war, dass uns nicht mehr vorkommt, dass das etwas ist, was nebenan passieren könnte. Nebenan, da schauen wir weg. Wir wollen die Zombies mit der Lupe sehen, die Monster wie den Fritzl und den Jack the Ripper, nicht den netten Nachbarn, nicht das blaue Auge bei seiner Frau, nicht ihren Gipsarm.

Sich zu empören über die Trutschen, die jetzt nach 30 Jahren erst mit so Gschichten daherkommt, das ist leicht und gibt Kraft und Energie. Der „Trutschen“ zuhören, was sie vor 30 Jahren erlebt erlitten erduldet hat, so schwer dass sie heute noch nicht davon geheilt ist, das macht uns verletzlich, das tut weh, das ist schwer. Nehmt euch die Kraft.

Mit Frauen geht´s noch immer

Stell dir vor, eine schwarze Österreicherin wird auf der Straße mit den Worten „schleich die haam du dreckiga Nega“ Krankenhaus reif geschlagen. Wenn dir dann eine weiße Person sagt „ja aber weiße werden auch verprügelt“ dann hat diese weiße Person ganz ordentlich was nicht verstanden. Ihre Aussage ist richtig und falsch zugleich. Und kaum noch jemand argumentiert so. Das „aber wir sind auch….“ geht als Argument rund um Diskriminierung von Schwarzen, Jüdischen Menschen, Roma, Sintis längst nicht mehr so einfach durch. Was mit Schwarzen und jüdischen Menschen nicht geht: Bei Frauen geht es allemal. Wir reden von Rassisten, wir benennen sie. Wir sprechen kaum über Vergewaltiger oder über Männer die sexuell belästigen. Wir sagen, oh das hätte ich von dem doch nie gedacht. Und immer haben es nachher eh immer alle gewusst.

Gewalt gegen Männer passiert nicht, WEIL sie Männer sind, sie passiert nicht um Männer als Männer im Zaum zu halten, um sie klein zu halten, um ihre Karriere zu blockieren oder sie aus dem Unternehmen zu drängen.

Gewalt gegen Männer wird auch bestraft, und zwar schon immer. Gewalt gegen Frauen wird so gut wie nicht bestraft. Von 200 Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen wird in Österreich eine von der Justiz bestraft, Tendenz sinkend (seit 2001 durchgehend sinkend). Die Verurteilungsrate von Vergewaltigung an Jungen und Männern sind auch ziemlich desaströs, aber die Verfahren sind ganz anders.

Wenn Männer vergewaltigt werden ist das genauso schlimm wie bei Frauen. Männer trauen sich aber sehr viel eher über Vergewaltigung zu reden als Frauen. Sie zeigen häufiger an, die Strafen sind höher, das ausbezahlte Schmerzensgeld sowieso. Bei den Kommissionen zu Massenvergewaltigungen in österreichischen Kinderheimen haben sich deutlich mehr Männer gemeldet als Frauen, um Entschädigung zu bekommen oder einfach um ihre Geschichte zu erzählen. Nur jede 15. betroffene Frau in Österreich zeigt eine Vergewaltigung an, die meisten werden von jemandem gedrängt, anzuzeigen. Trotzdem gibt es kaum eine feministische Veranstaltung, wo nicht irgendwer herumhüpft und sagt „oh die Männer sind noch ärmer!!“ Oida, geht’s scheissn, ehrlich. Ihr seid falsch informiert. Die Männer sind nicht ärmer. Freut euch darüber. Rein statistisch sind Frauen als Person achtmal so oft betroffen wie Männer, wenn man die Anzahl der Delikte zählt es die Häufigkeit noch viel stärker zu Lasten der Frauen.

HETOO!! Sound of Silence

Eine Strategie von Diskriminierung ist die Betroffenen zum schweigen zu bringen. Bei Gewalt gegen Frauen ist eine der Mittel dazu zu sagen, „Männer sind auch“ blabla. Letzteres ist eine Falschinformation. Es heißt, man müsste das Thema dann nicht Frauenspezifisch diskutieren – wobei meist aber genau hier schon gefordert wird, das Thema müsste Männerspezifisch diskutiert werden, weil Männer sind ja auch so arm oder sogar noch ärmer. Der Sexismus darin ist für mich unüberhörbar, offen und deutlich: Redet über Gewalt gegen Männer, aber schweigt über Frauen. Über Frauen darf man nur reden, wenn auch über Männer gesprochen wird. Man darf nicht reden darüber, dass Frauen im Patriarchat die Arschkarte haben. Das ist was „Männer auch“ uns sagt. Aber wir Frauen haben die Arschkarte, wir werden zehnmal die häufig und dann auch noch vielfach so brutal vergewaltigt und in einer fünfmal so langen Zeitspanne unseres Lebens: Nämlich immer. Männer sind nach dem 18. Lebensjahr relativ (relativ! Relativ!) sicher vor Vergewaltigung. Den Kopf haben Männer nicht voll mit der Angst. Sie trugen keinen Mini, sie durften besoffen sein.

Nicht nur Frauen, sondern gefälligst auch Männer diskutieren!! das würde bei Hundewelpen, Gewalt gegen Kinder und den Hunger im Kongo niemand je behaupten. Wenn ich sagen würde, mich interessieren hundewelpenprobleme nur wenn auch Kanarienvögel und Goldfische gleichwertig diskutiert werden – das klingt schon beim Schreiben lächerlich hoch Million. Zu sagen ich kümmere mich nicht um den Hunger in Äthiopien weil dann der Kongo und der Sudan vernachlässigt wären: Wäre abstrus. Es verletzt mich, dass man kaum eine Debatte über Gewalt gegen Frauen führen kann, ohne dass sofort ein paar Typen daherkommen und mir sagen, was ich gefälligst jetzt aber schon auch mitdiskutieren muss. Kaum einmal komt jemand und sagt im Befehltson, bitte gefälligst diskutieren wir mal das Geschlecht der Männer und die Taten der Männer! Immer werden nur die Frauen eingefordert. Niemand würde fordern wenn ich über Frauen als Gewalttäterinnen spreche ich müsse die Männer mitdiskutieren. Niemand. So funktioniert Sexismus. Das ist Diskriminierung. Meine Wahrscheinlichkeit dass ich als vierzigjährige Frau vergewaltigt werde ist mindestens hunderte Male höher als die eines Mannes in meinem Alter. Das muss gesagt werden dürfen. Männerauch verschleiert diese Tatsache. Die Täter bei Vergewaltigung von Männern sind auch mehrheitlich Männer.

Männer sind nicht auch Opfer von Rape Culture und Gewalt gegen ihr Geschlecht. Männer sind Opfer von Gewalt weil sie Individuen sind. Wir Frauen sind wir für viele eine schwammige Masse, sind wir ein Konglomerat von Figuren in einem Schachspiel wo wir herum geschoben und dressiert und vergewaltigt werden, weil wir Frauen sind. Die Gewalt gegen Frauen und auch der Diskurs über diese Gewalt gegen uns Frauen ist eine Zurichtung unsere Geschlechts, hält uns klein und will uns auch klein halten. Männern ist das nicht bewusst, und dass sie das nicht wissen ist Teil der Struktur von Rape Culture.

Teil diese Struktur ist auch diese Gewalt als strukturelle gezielte geplante und bewusste Gewalttat zu verschleiern. Der Nebel der Diskriminierung macht es unsichtbar, versucht es zumindest, redet uns ein es sei nur der schwache, der kranke, der gestörte Mann. Das ist aber nicht der Fall. Vergewaltigung ist fast ausnahmslos bewusst und gezielt ausgeführt, von langer Hand geplant, stundenlang oder jahrelang vorbereitet, von Typen die vielen normal vorkommen. Männer haben gelernt, dass sie Frauen zum Schweigen bringen können und sie lernen auch, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein erfolgreiches Mittel ist, um über Frauen verfügen zu können. Das kommt bei männlichen Kindern auch vor, aber nicht als Strategie gegen den Mann als Mann.

Gegen Frauen hat das System, Struktur und Jahrtausende Geschichte. Rape Culture ist etwas, das wir alle lernen: Männer und Frauen. Es gibt kein vergleichbares System, das sexualisierte Gewalt auf diese Art und zu diesem Zweck gegen Männer einsetzt. Der erwachsene Mann ist quasi sicher vor Vergewaltigung, und so lebt er auch. ER ist frei von der Vergewaltigungsangst, außer er erlitt als Kind Vergewaltigung. Männer kennen ganz selten die Trigger. Weiblichen Kindern passiert auch das acht bis zehnmal häufiger. Erwachsene Männer sind vor Vergewaltigung relativ sicher. Sie prägt ihren Alltag nicht, ihr Einkommen nicht, ihre Beziehung nicht, ihre familiären Beziehungen nicht, ihre PartnerInnenwahl nicht, ihren Wohnort nicht, ihr Ausgehverhalten nicht, ihre Kleiderauswahl nicht. Meine schon. Metoo ist kein gleichrangiges hetoo. Es gibt Unterschiede. Nur wer sie versteht wird schaffen etwas zu verbessern: Für beide Geschlechter.

Das ist jetzt für viele harter Tobak, das ist mir klar. Für mich aus. Aus meiner heißen Glut backe ich meine Wortbrote. Ich weigere mich meine Pappn zu halten. Rape Culture ist eine Form, Frauen zu Untertaninnen zu machen. Bei mir ist da irgendwas schief gegangen.

Das ist nicht nur so weil alle Trotteln sind, das ist so weil Diskriminierung, weil Sexismus so funktionieren. Das muss nicht so bleiben. Es liegt in eurer Hand. Und nein, Männer sind nicht eins zu eins #metoo. Nur wer offen ist das zu sehen und zu verstehen hat eine Chance.

Gewalt ist immer Scheiße Egal wer an wem.

(c) Helga Christina Pregesbauer

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