Vergewaltigung und darüber schreiben. Die Superlative der Verdrängung

Januar 2016

Vergewaltigung und darüber schreiben. Die Superlative der Verdrängung

Das erste Zeichen, dass die Menschen endlich aufhören werden Sexualisierte Gewalt zu verharmlosen und stattdessen zu bestrafen, wird sein, wenn die Leute (vor allem die geschulten Schreib-Menschen, Autor*innen, Journalist*innen) aufhören in SUPERLATIVEN über Sexualisierte Belästigung, Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung sprechen.

„total“

„ärgstens“

„schlimmste“

„brutalste“

„Monster“ oder

„Verbrechen ganz neuer Dimension“

und dann fordert man ein „strengstens bestrafen!“

Die Verurteilungsrate bei Vergewaltigung liegt in Österreich weiterhin unter einem Prozent, wenn man das Dunkelfeld einrechnet. Tendenz: Sinkend. Der Grapschparagraph, den zu haben nett ist, ist dabei leider null Hilfe. Für meine vielen neuen und alten Briefkontakte, die mir regelmäßig ausführlich mitteilen, ich möge die Goschen halten, weil ich nur Unwahrheiten in die Welt setze, die zum Untergang derselben führen werden: Ja ich kann die Statistiken vorlegen, ja ich kann rechnen und ja die Untersuchungen stammen von Wissenschafter*innen, die sich auskennen und wissen wie man sowas macht.

 

Kollektive Unsichtbarmachung oder auch „Ignorieren“ genannt geht immer mit Dramatisierung und Verharmlosung einher.

Währenddessen muss man immer noch in jedem zweiten Artikel (auch jetzt gerade, kurz nach „Köln“) lesen, die Frauen würden eh fast alle lügen (also irgendwie alle), was eine widerlegte Lüge ist. Diese falschen Behauptungen von „anonymen Beamten“ wie ich sie diese Woche mehrfach gelesen habe, sind nach wie vor der Grund warum von 15 vergewaltigten Frauen 14 keine Anzeige machen. Die Frauen haben Angst, dass ihnen niemand glaubt. Es glaubt ihnen ja auch niemand, das ist ja ein Faktum.

Die falschen Behauptung, dass die „Frauen lügen“ stehen aber in fast jeder Zeitung. Mehr oder weniger direkt. Dabei sind die Fakten und Umstände von Falschanzeigen und Falschbeschuldigungen bestens bekannt.

Sexualverbrechen sind das Verbrechen mit der geringsten Falschbeschuldigungsrate, die meisten werden von Ämtern wie dem Jugendamt gemacht, es steht fast ausnahmslos eine reale Gewalttat dahinter. Sexualverbrechen sind das einzige Verbrechen, bei dem nach wie vor das Augenmerk am Opfer liegt, bei dem das Opferverhalten für die Bewertung und Verurteilung eine Rolle spielt. Stellt euch vor, von 15 Autodiebstählen würden 14 nicht angezeigt, weil die Besitzer*innen denken, es würden alle glauben sie hätten das Auto selbst gestohlen oder versteckt. Oder eine. Oder vier.

Die Täter lügen immer – habt ihr diesen Satz schon einmal gelesen in der Zeitung? Er ist wahr, wir wissen, dass er wahr ist. Denn das ist was die Täter tun. Lügen, immer. Die Opfer schweigen, so gut wie immer. Das liegt an den wirklich schlechten Umständen, und den Superlativen, der Dämonisierung und der Verharmlosung. Es liegt an den Lügen der „anonymen Beamten“ und der Gerichtsgutachter und der Journalist*innen.

Kleine Denkhilfe: einfach an etwas Schlimmes denken das dir selbst passiert ist und dich fragen, ob du darüber in der Krone oder im Falter lesen möchtest dass du „brutalst misshandelt und schlimmste Verbrechen erlitten“… etc. Da spürt man doch, dass was nicht stimmt, wenn wer so daher plappert. Oder? Sehe und empfinde das nur ich? Was lernt man eigentlich bei einer Journalismusausbildung? In Schreibkursen und beim Werbetexten lernt man, welche Wirkung Superlativisierung hat: Sie lenkt unter anderem die Leser*innen und Zuhörer*innen vom Thema weg.

PS: Und ich mache noch immer Kurse, in denen ich Schreibmenschen beibringe, was es da alles zu wissen gäbe.

(c) Helga Christina Pregesbauer

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