Einfach so wie alle anderen. Brief unter Feministinnen

September 2014

 

Einfach so wie alle anderen. Brief unter Feministinnen

 

Heute ein Email bekommen, von einer der vielen Freundinnen, die nicht genau wissen, was man denn tun soll mit Sexarbeit, obwohl die Illegalisierung natürlich selbstverständlich absolut scheisse sei.

 

Liebe X!

 

Vergleiche einfach in Zukunft alles was du über Sexarbeit denkst mit Tischlerei als Beruf. Vergleiche die SexarbeiterInnen mit lebendigen vollwertigen Menschen. Frag dich, ob du sowas auch mit Hunden/Schwarzen/Kleinkindern/Vergewaltigungsopfern tun würdest (ohne sie zu fragen) oder so über diese reden würdest. Das heißt nicht, dass Tischlerei toll ist und Sexarbeit super. Es heißt nicht, dass Sexarbeit ist wie einen Tisch zu hobeln. Es heißt nur: wenn du sagst „das Milieu“ – würdest auch vom Tischlermilieu reden? Oder vom Negermilieu? Vom Masseurmilieu. Wenn nein: warum nicht?

Und über wen redest du wirklich,  wenn du vom Rotlicht redest: vom Stundenhotelbetreiber, vom Zuhälter, vom Menschenhändler, vom schwulen Stricher, von einer nebenberuflichen Akademikerin,  von illegalen Escort, von einer ungarischen Krankenschwester, die samstags in Wien am Strich geht, damit sie sich und ihren Kindern was Schönes kaufen kann?

Unlängst saß ich mit einem linkslinken Boboprotektionskind an einer Bar und das Bobokind fragte mich „Naja!! Ich weiß immer gar nicht wie ich mit denen überhaupt reden soll!“

Bei „mit denen“ stellte er sein Bierglas ab, damit er freie Hand für Abwehrhaltungen machen konnte, zog er ein Schnoferl und machte eigenartige Grimassen. Ich bin ja nicht so, ich gebe ja Auskunft, wenn ich was weiß und schon gefragt werde und habe vorgeschlagen: „Vielleicht so wie mit allen anderen anderen Menschen?!“ Auf diese Idee kommt die Mehrheit der Leute nicht: SexarbeiterInnen einfach so wie alle anderen behandeln.

 

Es gibt in deiner linksliberalen Mittelschichtwelt keine Probleme mit dem „Zigeunermilieu“ – aber eines mit dem Rotlichtmilieu soll es geben? Es gibt Probleme mit Menschen.

Sexarbeit erfordert vernünftige Gesetze und die Diskussion erfordert Vernunft – momentan werden nur welche gemacht, die Zuhälterei und die Rechte und Mächte von großen Bordellbetreibenden unterstützen. Da muss einmal ein Ende sein, mit deren Macht und deren Propaganda á la Laufhaus ist toll, Straßenstrich ist grindig und pfui – DAS glauben sogar die Feministinnen! No na ned finden Laufhausbesitzer alle Frauen, die kein Zimmer bei ihnen mieten menschenunwürdig und arm.

Niemand würde Roma und Sinti sagen, ich bin nicht für eure Illegalität, aber leider gibt es keine Alternative weil euer Milieu ist dubios. Man muss die Rechte den Frauen geben, den SexarbeiterInnen, man muss Berufsrechte machen und Entstigmatisierung betreiben – anstatt Leute, die grundlegende Menschenrechte abschaffen wollen und unter Sexualneurose leiden in Ministerien einzuladen.

 

Die Hauptprobleme von Sexarbeiterinnen sind Stigmatisierung und Polizeirepressionen.

Nach zwei Jahren Recherche (und jahrelanger Beschäftigung) kann ich sagen: maximal 10% der Sexarbeiterinnen in Österreich sind „ausgebeutete Opfer“ – die meisten davon durch häusliche Gewalt! Bei heterosexuellen Frauen liegt die Sexualverbrechensrate bei 25%, bei Behinderten bei 80%. Da sind über Sexarbeit extrem verzerrte Informationen, die an den Haaren herbeigezogen sind im Umlauf. 10% sind für mich 11% zu viel, aber nach meiner Recherche zum sog. Schwedischen Modell sage ich: selbst wenn 100% Menschenhandelsopfer wären, helfen nur Rechte, keine Pauschalverbote und keine pauschale Freierkriminalisierung. Alle Verbrechen in diesem Beruf sind bereits strafbar. Außer den Verbrechen des Stigmas, den Polizeirepressionen, außer den vorenthaltenen Berufsrechten, außer den vorenthaltenen Menschenrechten. Und außer dem Verbrechen, dass diese Rechte ganz einfach nicht immer umgesetzt werden.

 

Wir müssen die Debatte versachlichen. Mit auf Emotionen und Unwissenheit beruhenden Beiträgen gewinnen wir den Kampf gegen die Ungerechtigkeit nicht!

 

Ich habe keine Lust mit Rechten zu warten bis wir eine „Grundlegende Veränderung von Kultur und Gesellschaft“ haben, weil die erhoffe ich nicht. außerdem hab ich nicht so lange zeit 😉

Rechte sollen eh nicht wie du schreibst „befriedigend“ sein, sondern vernünftig. Sachlich. Hilfreich. Und zwar hilfreich für die Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen. Nicht für Betreiber, nicht für Zuhälter, nicht für Menschenhändler und nicht für andere Arschlöcher. Wir haben als wir als Demokratie einen Kollektivvertrag für die VerkäuferInnen gemacht und dabei nicht gewartet, bis der Kapitalismus abgeschafft war. Warum sollten wir mit Berufsrechten für andere Frauen warten, bis das Patriarchat erledigt ist? Ist nicht viel mehr dieses Berufsrecht ein Schritt in Richtung der Abschaffung? Wir haben mit dem Vergewaltigungsstrafrecht oder der Gleichstellung der Frauen in der Ehe in Österreich nicht gewartet, bis alle lieb und erleuchtet waren.

 

Denk an die Tischler!! Und: Behandelt Sexarbeiterinnen einfach so wie alle anderen!

 

I love you, X, bis bald!

Herzliche Grüße, Helga

(c) Helga Christina Pregesbauer

 

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