Playboyfrauen. Hugh Hefner neben Marilyn Monroe

Oktober 2017

Playboyfrauen. Hugh Hefner neben Marilyn Monroe

Das Gespenst von Hugh Hefner geht um, und es wühlt die Frauenwelt ganz schön auf. Der jüngste Streich im Angriff gegen einen Toten, gegen die es sich bekanntlich ja leicht kämpfen lässt, ist ein Foto von Marilyn Monroe mit Sturmfrisur im acht Nummern zu großem Strickpullover, für das die eitle Marilyn zweifelsfrei gestorben wäre. Vor Scham. „She was a human being.“ steht da. Gut dass ich das jetzt endlich weiß. Dazu einen kurzen Text, der uns erklärt, dass Marilyn eigentlich die Aktfotos im Playboy nicht wollte, nie gefragt wurde, alles ganz schrecklich war, sie das kleine Honorar für ihre Aktfotos für Essen brauchte, es ihr ur ur leid tut und sie eigentlich gar nicht sexy sein wollte sondern Liebe suchte lebenslang. Nackt wollte sie nicht sein, aber Liebe gesucht. Und dass es wirklich ganz ganz arg sei, dass die arme jetzt tot im Grab neben Hugh Hefner liegt, das ist natürlich das schlimmste Problem dieser Welt. Jesus Christus im Himmel, ich bin sicher, das geht auch dir zu Herzen und du verkürzt Monroe dafür das Fegefeuer. Denn Liebe macht sogar die sexuelle Seite von Frauen wieder heile, wie wir wissen.

Feministinnen-Probleme at it´s best?!

Dummerweise war Marilyn Monroe später wieder im Playboy, auch zu Lebzeiten. Tage wie heute sind die Tage, wo ich mir sicher bin, dass ich in Wirklichkeit keine Feministin bin und auch gar keine sein will. Die Hälfte der Behauptungen in dem Artikel zu Sturmfrisur-Marilyn ist ganz einfach Blödsinn. Marilyn Monroe war nicht am Verhungern oder sonst wie in Geldnot als sie Aktfotos gemacht hat, und die Fotos waren lange bevor Hefner sie je zu Gesicht bekam in einem Kalender, der ein Bestseller und dementsprechend bekannt war.

Marilyn wurde ganz genau gleichzeitig mit dem Playboy bekannt und das Cover hat sie und ihre Karriere eher beflügelt als beeinträchtigt. Die Idee das Sex, Erotik und Nacktheit Frauen schadet ist nämlich falsch, auch wenn Alice Schwarzer und der Papst uns das seit 2000 Jahren einreden wollen. Die Vorstellung, alles was mit Sex zu tun habe sei irgendwie direkt schädlich für Frauen haben die Feministinnen nämlich von den Christen (gendern hier überflüssig) übernommen. Leider kommt es ihnen immer noch nicht komisch vor. Mir schon!

Monroe hat erzählt, was Frau erzählen muss, wenn jemand sie sexy-nackt gesehen hat: Ich hab gar nicht wollen und außerdem wär ich sonst verhuuungert. Not und Hunger, dann darf Frau schon mal auch geil ausschauen und nichts anhaben. Dann geht es. Das ist was Feministinnen hören wollen, das ist was katholische Nonnen hören wollen. Dann wäscht die Frau sich rein. Widerstand und Abscheu wäscht Frauen von Sexueller Beschmutzung rein. Man könnte auch sagen Reue und Beichte wäscht sie rein, aber das würde die sexualfeindlichen Feministinnen zu sehr erinnern, dass ihre Ideen ziemlich alt und ziemlich konservativ und aus Pfarrersfedern stammend sind. Sie hat sich von den Fotos distanziert, als sie richtig berühmt war und ein bisschen herumgeeiert, weil sie auch konservativeres Publikum ansprechen wollte.

Von Fakenamen für die Fotos höre ich zum ersten Mal. Der Playboy jedenfalls verwendete nie Fakenamen (allerdings Künstlerinnennamen wo Frauen einen nützen). Vor allem aber war der Playboy das erste Magazin in der Geschichte, das Frauen auf Aktfotos überhaupt Namen gab. Namenlos waren und sind Aktmodels und Sexarbeiterinnen, um weniger geächtet zu werden. Und sie zu ächten, das fordern unter anderem Feministinnen immer wieder. Nix mehr mit Stigma kills, neinnein! Stigmatisieren und ächten müsse man Akt und Sexarbeit, sagen Abolitionistinnen, Emma, Schwarzer und Co in ihren Publikationen.

Marilyn war eine der reichsten Schauspielerinnen ihrer Zeit weltweit (zu Lebzeiten) wenn nicht DIE reichste, und ihr Nachlass verdient noch immer Millionen – jeden einzelnen Monat.

Was ist schlimm daran, das Grab neben Marilyn zu kaufen? Wenn Hefners Grab neben Marilyn die feministischen Probleme dieser Zeit ist, hab ich offen gesagt andere. Von 200 Vergewaltigungen in Österreich wird eine bestraft, Sexarbeiterinnen sind beinahe vogelfrei, und wenn wer mal einen Depressionsschub braucht – ich hätt ein paar Einstellungsbegründungen von Vergewaltigungsanzeigen, in denen die vergewaltigten Frauen von Staatsanwältinnen beschimpft werden, dass mir die Spucke eine Woche lang wegbleibt. Regt sich wirklich jemand über Hefners Grab auf? Das ist nicht whataboutism, das ist eine Frage, die mich wirklich umtreibt!

Aber ich möchte schon auch hier anmerken, was für mich eigentlich in dieser Diskussion der springende Punkt war und ist: die „Feministinnen“ regen sich über die Objektifizierung der Frauen auf. Jener Frauen, mit denen Feministinnen oft prinzipiell kein Wort wechseln und auch keines wechseln wollen. Die von Marilyn und Hefner sprechen, oder von „Norma Jean“ und Hefner, ohne dass es irgendwem komisch vorkommt. Ich habe mich jahrelang für Sexarbeiterinnenrechte eingesetzt – jedes einzelne Mal Feministinnen mit Sexarbeiterinnen zusammenbringen brachte echte, reale Tragödien. Schreitiraden, Gebrüll, Beleidigungen. Jedes einzelne Mal habe ich mich gefragt, wie blöd ich eigentlich bin, den Sexarbeiterinnen das zuzumuten. Jedes einzelne Mal. Viele Feministinnen (auch bekannte Namen in Österreich, die einen Haufen Steuergeld einsacken, Frauen die Geld mit Feminismus machen) weigern sich, mit Sexarbeiterinnen auch nur an einem Tisch zu sitzen. Außer mit den Sexarbeiterinnen, die sagen: „Ich hab gar nicht wollen und außerdem wär ich sonst verhungert.“ Ja, die gibt’s, ja, das ist schlimm, es ist ein Verbrechen, ja das ist wichtig zu wissen. Aber das ist halt nur ein Teil einer sehr viel komplexeren Geschichte. Ein Teil, der wichtig ist. Wer Aktfotografie und Sexarbeit auf den Teil der Gewalt und Ausbeutung reduziert stärkt damit den zentraler Baustein der Diskriminierung von Frauen. Diese komplexe Geschichte darf man nicht erzählen, sie wird nicht gehört, wer sie erzählt wird der Mafia zugerechnet. Um über Berufsrechte für Sexarbeiterinnen zu diskutieren, da hat kein Ministerium schnell mal 10.000 Euro über wie für Abolitionistinnen. Sexarbeit als Thema aufzugreifen, das „tue ich mir nicht an“, sagen die Politikerinnen. Linke, feministische Politikerinnen. Denn nur das Narrativ der ausgebeuteten Frau, die sich nackt fotografieren lässt oder im Bordell arbeitet, ist erlaubt. Kommt das wirklich alles nur mir komisch vor?

Noch einmal zurück zur Objektifizierung! Fragt sich eigentlich irgendwer, wie sich Playboymodels fühlen, wenn sie lesen, dass sie die Speerspitze des Patriarchats sind und Schuld an allem Übel? Kaum jemand weiß es, ob einem Aktmodel und einer Sexarbeiterin heute schlecht ist, weil „Marilyn“ neben „Hefner“ (natürlich nicht Monroe neben Hugh) im Grab liegen muss weiß es, weil mit „solchen“ Frauen gibt sich niemand ab. Diese Frauen sind auch „human beings“. Die meisten übrigens ziemlich leiwand, gescheit und lieb.

Wer glaubt Aktfotos sind verantwortlich für Frauenhass möge das bitte mal den Aktmodels sagen. Diesen Vorschlag habe ich schon oft gemacht, und er macht Feministinnen normalerweise so sauer, dass sie nicht einmal was dazu sagen, aber Gift und Galle spucken. Wenn das euer Feminismus ist: Meiner ist ein anderer.

Marilyn wird hier entschuldigt für Aktfotos, als wären Aktfotos ein Schwerverbrechen. Sind sie aber nicht. Nackte Frauen sind legal, ein Verbrechen ist etwas anderes. Menschen, Männer und Frauen nackt zu fotografieren ist legal und legitim. Wer glaubt, dass von nackten, geilen, sexy, verführerischen Frauen zentrale, soziale Probleme ausgehen hat und die Frauen davon beschädigt sind (und nicht von Gewalt und Rechtlosigkeit) irrt. Den Test dazu fand Adichie: Wenn du es umdrehen kannst, wenn es auch für Männer gilt, dann ist es ok. Wenn du es nicht umdrehen kannst, dann ist es Sexismus. (Chimamanda Ngozi Adichie, Liebe Ijeawele… Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden, 12). Und man kann es nicht umdrehen. Nackte Männer die ficken, wenn sie wollen, schaden der Gesellschaft nach allgemeinem Gutdünken nicht. Und sich selbst auch nicht.

Leute, die eine Frau die sich nackt fotografieren lassen hat „entschuldigen“, brauchen mir von „Objektifizierung“ nichts, nichts und nochmal nichts erklären. Dieser Feminismus ist mir fern. Ich habe den Feminismus, der Frauen für Erotik und autonome Sexualität entschuldigt satt. Sowas von satt. Er macht mich traurig, zornig, verbittert, aggressiv und verzweifelt. Hört endlich auf diese christliche, dichotome Abwertung von Frauen weiterzutragen.

Mir ist Hefner so egal wie mir nur irgendwas egal sein kann, aber ich bin wohl die einzige weit und breit, die sich eine Sekunde und länger Gedanken (nämlich über 20 Jahre lang) drüber gemacht hat, was die Diskriminierung, die dauernde Abwertung von nackt fotografierten Frauen mit den Frauen macht. Sie ist Grundlage des Patriarchats.

Hört auf über Hefner zu diskutieren, diskutiert MIT den Frauen, die sich fotografieren lassen. Fangt an, die Macht und Kraft die in der Sexualität liegt für Frauen sichtbar zu machen.

Wenn das

“…in 1992 the grave next to Marilyn came up for sale, and Hefner purchased it for himself, gloating in the status that he would be her eternal bedmate. Dead Marilyn made no comment. Fifty-five years dead, and now the Playboy is about to pull up the sheets of her tomb and crawl on in.”

diese Phantasie, diese Projektion, Plattitüden im Märchenstyle, abstruse Nekrophilieträume die keinerlei realen Anknüpfungspunkt an echte Sorgen von Frauen haben, wenn das Feminismus ist, dann bin ich keine Feministin.  Ich möchte eine Demo gegen freigesprochene Vergewaltiger statt so etwas. Nein, zwanzig solche Demos. Ich wünsche mir 300 Frauen die das Justizministerium besetzen, bis wir richtig gute Berufsrechte für Sexarbeiterinnen haben. Ich jedenfalls kämpfe für Frauenrechte. Und ich kämpfe für eine Welt in der Frauen anziehen oder ausziehen was sie wünschen, in der sie Sex haben wie sie selbst wünschen, wann sie wünschen, so oft sie wünschen und mit wem sie wünschen. Das ist nicht mein letztes Wort zu Hefner und weiblicher Sexualität.

Denn der Diskurs, der eben über ihn geführt wird, drückt den Eiter aus allen Wunden.

(c) Helga Christina Pregesbauer

 

 

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