Mehr als ein Strich in der Landschaft: Menschen. Offener Brief zur Sexarbeit in der Einzingergasse

Juli 2015

Mehr als ein Strich in der Landschaft: Menschen. Offener Brief zur Sexarbeit in der Einzingergasse

Betreff: Mehr als ein Strich in der Landschaft: Menschen

Offener Brief zur Sexarbeit in der Einzingergasse

Sehr geehrter Herr Holawatsch! Sehr geehrter Herr Papai!

Ich möchte Ihnen als Floridsdorferin mitteilen, dass ich es sehr bedenklich finde, wenn

  • Menschen, die eine absolut legale Berufstätigkeit ausüben, schikaniert werden
  • Menschen grundlos pauschal verdächtigt werden, Rechtsverletzungen zu begehen
  • man sich über den Anblick von Menschen echauffiert oder diesen sogar als gefährdend bezeichnet
  • und ihnen dann noch die Polizei schickt.

So löst man keine Probleme, so geht man auch mit unbescholtenen Menschen nicht um.

Sexarbeit ist für Menschen in der Politik ein schwieriges Thema. Solidarische KundInnen melden sich nicht Wort, die Verwandten der Prostituierten wissen oft nichts von deren Beruf und die Feministinnen sind in der Frage gespalten. Dazwischen gönnt man sich eine gern gelesene Schlagzeile, die belebende Empörung bringt. Für migrantische Randgruppen, die den diskriminiertesten aller Berufe ausüben, setzt sich kaum jemand ein. Wenn, dann kriminalisiert man die Frauen und nennt es Schutz vor Menschenhandel. In Floridsdorf haben PolitikerInnen heuer schon mehrfach die Polizei zum angeblichen Schutz der Sexarbeiterinnen herumgeschickt. Jedoch überprüft werden stets zuerst Frauen und Gebäude. Es scheint ein Reflex zu sein: Wenn man Prostituierte sieht, ruft man gleich einmal die Polizei. Bei Sexualverbrechern macht man das übrigens nicht automatisch, nur so nebenbei bemerkt. Sind alle Menschen gleich? Mit Männern geht man jedenfalls nicht so um. Der nach wie vor in vielen Teilen Wiens existierende Gigolo-Straßenstrich interessiert niemanden.

Lieber Gott, beschütze uns vor dem Anblick textilfreier Frauenfüße?

Das Argument der schützenswerten Berufsschüler finde ich originell. Verbietet man diesen nun auch logischer Weise das Handy, das Internet, den Schwimmunterricht? Dort sieht man nämlich mehr nackte Haut als in der Einzingergasse. Was jeder 12-Jährige heute von youporn.com kennt, sieht man weder am Strich noch an der Bordellbar. An wen von ihnen dreien darf ich mich zukünftig wenden und um Schutz bitten, wenn mich wieder einmal ein fremder Mann fragt, ob ich ihm einen blasen möchte und mich beschimpft oder bedroht, wenn ich nicht vor Freude in Jubel ausbreche wegen seines Angebots? Wer schützt mich, wenn mit der tägliche SUV mit 50 kmh am Radweg entgegen kommt? Kaum sind Sexarbeiterinnen unterwegs sucht man eine Schule in der Nähe, in der Kinder geschützt werden müssen. Gilt die geforderte Verbotszone dann auch samstags und sonntags zwischen 6:00 und 17 Uhr? Zum Schutz von wem? Es gibt eben Dinge im Leben, mit denen muss man umgehen lernen. Sowohl als BerufsschülerIn wie auch als PolitikerIn.

Der Schutz in Form einer Vertreibung der Frauen und der Illegalisierung einer der letzten „Erlaubniszonen“ in Österreichs größter Stadt schadet den Prostituierten wie vielfach belegt, treibt sie in die Rechtlosigkeit, erhöht die Gewalt gegen sie und gefährdet ihre Gesundheit. Schützt eigentlich die Frauen auch jemand? Dürfen wir wissentlich als Gesellschaft und als verantwortliche PolitikerInnen Scheinmaßnahmen erwirken, deren Folgen ganz klar gesundheitsgefährdend für Menschen sind? Darf man etwas bisher Legales einfach verbieten, weil es einen moralischen Aufschrei gibt, ohne dass daraus für irgendjemand ein erkennbarer Nutzen entsteht?

Ich rege mich als Anrainerin jetzt hier ebenfalls auf: über Verbote und die Kriminalisierung einer legalen Berufsgruppe, über das sogar noch öffentlich kommunizierte Jagen von Frauen durch eine Polizei. Letztere hat damit übrigens wenig Freude, weil sie um deren Sinnlosigkeit weiß. Zumindest wurde mir das mehrfach berichtet.

Gesetze oder keine?

Außerdem halte ich es für rechtstaatlich bedenklich, wenn die Polizei auf Zuruf der Politik handelt. Haben wir Gesetze? Müssen wir uns nicht alle an diese halten? Die Polizei weiß hoffentlich selbst, was ihre Aufgabe ist. Ist es die Aufgabe der Politik, die Empörten zu beruhigen, oder sollten wir doch lieber Sachpolitik machen und vernünftig miteinander umgehen?

Alle Menschen sind frei und gleich an Rechte und Würde geboren.

Das aus dem Sehfeld verdrängen einer Randgruppe schützt keine 15-jährigen Waisenknaben vor winkenden Frauen in kurzen Kleidern. Wird ab morgen der Aufenthalt von Männern in der Öffentlichkeit verboten, weil diese regelmäßig dort Frauen vergewaltigen, ihnen nachrufen, sie bedrängen und überfallen, ausrauben und belästigen? Schickt man ihnen die Polizei nach? Nein. Es sind eben nicht alle Menschen gleich.

Die von geringer Sachkenntnis getragene Forderung von Herrn Schimanek und Herrn Holawatsch nach einer Umsiedlung in Laufhäuser drängt Frauen in die Obhut von Bordellbesitzern, die man jüngst noch als Zuhälter verachtete. In der Realität würden die meisten in die Illegalität oder ein abgelegenes (also gefährlicheres) Gebiet am Stadtrand gedrängt, oder hohe monatliche Mietkosten für ein Laufhauszimmer wären die Folge.

Illegalität heißt: mehr Gewalt gegen Prostituierte, mehr Probleme, mehr Polizeibedarf. Die Polizei in Wien ist übrigens nicht an einer Vertreibung und einer weiteren Verbotszone interessiert, ebenso wenig an einer Pflicht zu vermehrten Kontrollen. Den Frauen hilft das sicherlich alles nicht. An deren Bedürfnisse denken Sie Herr Holawatsch und Herr Papai nicht. Wer glaubt, in „kontrollierten“ Laufhäusern sei per se alles rechtskonform und „kontrollierter“, hat wenig Ahnung von der Realität der Prostituierten. Probleme gibt es überall, wie es gastronomische Probleme beim Würstelstand gleichermaßen gibt wie im Restaurant.

Die Probleme mit unzureichender Infrastruktur wie Toiletten, sanitären Anlagen und ferne Stundenhotels werden durch ständiges Vertreiben und Verbieten natürlich verschlimmert. Wenn Sie das Sanitärproblem stört, stellen Sie bitte eine mobile Toilette hin.

Wir vertreiben ZeitungsverkäuferInnen nicht, wir verbieten den Zeugen Jehovas ihre Besuche nicht, wir schützen Menschen nicht vor dem Smog des immer noch zunehmenden Autoverkehrs. Die Autoindustrie hat eine Lobby, die rumänische Sexarbeiterin nicht. Wenn wir Menschen ins Abseits drängen, weil wir ihnen keinen Platz in der Gesellschaft geben, werden sie soziale Parallelstrukturen entwickeln. Für die rufen wir dann 133?

Von der ÖVP würde ich einen anderen Umgang mit selbstständig arbeitenden Unternehmerinnen erwarten, von der SPÖ eine andere Frauen- und Sozialpolitik.

Floridsdorf ist teilweise „Erlaubniszone“ und soll es bitte bleiben, meine ich als Floridsdorferin. Meinetwegen gerne in der Leopoldauer Straße vor meiner Haustür, wo der Straßenverkehr so viel Lärm erzeugt, dass mich Sexarbeiterinnen kaum zusätzlich stören könnten. Dafür dürfen sie gern die Plakatwände entfernen, welche mir und allen BerufsschülerInnen mehr Einsicht auf nackte Frauenhaut erlauben als die Frauen in der Einzingergasse.

Künstliche Erregung?

Das Engagement für angeblich durch Prostituierte versperrte Radwege finde ich spannend. Dass 95% der Autos in Wien ebenfalls ständig den Radverkehr behindern und Radfahrende außerdem lebensgefährlich bedrohen (wozu Prostituierte gegenüber RadfahrerInnen kaum in der Lage sind) hat bisher niemand der Rede wert gefunden. Wer schützt die RadfahrerInnen? Die Autos kaum als bedrohlich zu erkennen, aber die RadfahrerInnen in einer abgelegenen Schnellbahnzufahrt vor Fußgängerinnen schützen zu wollen, ist wohl ein bisschen eine künstliche Erregung, finden Sie nicht?

Unser Umfeld bringt uns allerdings nicht bei, uns pauschal vor Autos zu fürchten, sondern vor Prostituierten. Man vergisst beinahe, dass es um Menschen geht, von denen wir hier sprechen.

Herr Papai, sie möchten keinen Straßenstrich. Ich möchte kein asthmaverursachenden Feinstaub, ich möchte keine Vertreibung von Menschen aus ihrem Beruf, ich möchte keine Plakatwände, ich möchte keine Kleiderkataloge mit Magersüchtigen, ich möchte keine Umweltverschmutzung und keine Plastiksackerl, ich möchte tausend Dinge nicht. Der Straßenstrich ist legal. Es gibt Dinge, die sollten einfach so bleiben wie sie sind, wenn man sie nicht doch verbessern möchte. Solange es weder Berufs- noch Arbeitsrecht gibt für Sexarbeiterinnen, sollten wir uns als Republik Österreich mit Verboten für diesen Beruf zurückhalten. Zumindest von Verschlechterungen wie z.B. weiteren Verboten sollte man Abstand nehmen.

Ich bin gern zu einem persönlichen Gespräch mit Ihnen oder Ihren MitarbeiterInnen bereit und kann Ihnen Hinweise zu Fachleuten geben, wenn Sie sich noch weiter zum Thema seriös informieren möchten, damit eine für alle gute Lösung gefunden werden kann. Auch beispielsweise wenn Sie bei einer Podiumsdiskussion Öffentlichkeitsarbeit machen oder die FloridsdorferInnen informieren möchten. Ohne dass man legale Berufe kriminalisieren muss, ohne dass man Menschen vertreibt, ohne dass man die letzten Erlaubniszonen sperrt und damit nur neue Probleme erzeugt. Probleme von Menschen. Denn dafür ist eine Gemeinschaft da, sich gegenseitig zu unterstützen, voll Respekt miteinander umzugehen und gute Lösungen für alle zu finden und pauschale Vorverurteilungen zu überdenken!

Manchmal begegnen uns im Leben Menschen, bei denen wir lernen sollten, sie als Menschen zu sehen, noch bevor sich die erlernte Abwertung ihrer Tätigkeit in unseren Gedanken abspult. Es gibt Dinge im Leben, die müssen wir lernen. Und Menschen, mit denen müssen wir leben.

Mit freundlichen Grüßen

Mag.a Helga Pregesbauer

 

 

PS: Solidarisch erklären sich mit diesen von mir formulierten Anliegen der Sexarbeiterinnen:

  • Die MitarbeiterInnen bzw. der Vorstand der selbstorganisierten NGO und Beratungseinrichtung für SexarbeiterInnen sexworker.at
  • Dr.in  Helga Amesberger, Institut für Konfliktforschung, Mitglied des europäischen COST-Forschungsnetzwerkes „Prostitutionspolitik“
  • Der Verein LEFÖ unterstützt dieses Schreiben.

(c) Helga Christina Pregesbauer

 

 

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